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Thomas Pekar

(Tokyo)

Ilse Aichingers Verhältnis zur Gruppe 47 im Kontext der Shoah

[Ilse Aichinger’s relationship to Group 47 in the context of the Shoah]

abstract. Ilse Aichinger, whose debut novel Die größere Hoffnung was published in 1948 and is regarded as a work of Holocaust literature, only revisited the subject of the Shoah explicitly later in life. Why did she do so? This essay interprets the explicit receding of her memories of the Shoah in the context of the anti-Semitism prevalent in Group 47, of which Aichinger was a member after the war. Being part of that group required Aichinger to devise specific poetic strategies to maintain her voice and literary identity within this milieu.

I

Es ist nichts Neues zu sagen, dass Aichingers Literatur heute auch oder sogar wesentlich in Verbindung mit der Shoah gelesen wird, worunter die Gesamtgeschichte der Diskriminierung, Verfolgung, Deportation und Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten in Deutschland, Österreich und überhaupt in Europa in der Zeit ihrer Herrschaft verstanden wird. Aichingers Bezüge zur Shoah sind besonders in ihren Schreibanfängen – und hier ist ihr erster Roman Die größere Hoffnung von 1948 zu nennen – evident und von der neueren Forschung auch dezidiert thematisiert worden, nachdem man dies lange Jahre nicht erkannt hat bzw. nicht hat erkennen wollen[1]. Dieser Roman, der ja ihr einziger bleiben sollte, ist von dem Bestreben geprägt, dass Geschehen der Shoah, welches spätestens seit März 1938 ebenfalls die österreichischen Juden betraf, nachdem es schon ab 1933 die deutschen Juden betroffen hatte, in seinen Auswirkungen auf eine Kindergruppe darzustellen. Aichinger wollte hier, wie sie selbst einmal sagte, berichten, «wie es wirklich war»[2], wie ein Geschehen wirklich war, von dem sie ganz persönlich betroffen wurde: Ihre Großmutter, ihre Tante und ihr Onkel wurden vor ihren Augen deportiert – und das Erlebnis dieser Deportationen gehörte, neben der Trennung von der Zwillingsschwester, die mit einem Kindertransport nach England entkommen konnte, sicherlich zu den «traumatischen Schlüsselereignissen im Leben»[3] Aichingers.

Man kann also sagen, dass Aichingers ursprüngliche Schreibintention, die so stark war, dass sie ihr Medizin-Studium abbrach, um diesen Roman zu schreiben, davon geprägt war, von der Shoa zu berichten, von ihr literarisches Zeugnis zu geben, wie es für die ‘Holocaustliteratur’ ganz typisch ist[4].

Die Aichinger-Forscherin Christine Ivanovic hat in diesem Zusammenhang auf die folgende Merkwürdigkeit hingewiesen: «Nach diesem Erstlingswerk [= Die größere Hoffnung; Anm. T.P.] publiziert sie über annähernd fünf Jahrzehnte hinweg jedoch keinen weiteren Text mehr, der explizit auf die Erfahrungen der NS-Zeit zu sprechen kommt»[5].

Ivanovic sieht solche auf die NS-Zeit bzw. Shoah bezogenen expliziten Texte erst wieder 1987 auftauchen, mit dem Erscheinen der Prosasammlung Kleist, Moos, Fasane[6], wobei in diesem Band allerdings schon einige Texte aufgenommen sind, die Aichinger früher veröffentlicht hatte; der titelgebende Text wurde beispielsweise bereits 1959 veröffentlicht, aber die meisten Texte waren Erstdrucke.

Wenn man diese Aussage von Ivanovic zwar etwas einschränken muss, so bleibt doch dieses merkwürdige Faktum bestehen, dass die expliziten literarischen Darstellungen ihrer Shoah-Erfahrungen nach dem Erscheinen ihres ersten Romans bei Aichinger stark in den Hintergrund traten und erst lange Zeit danach, in ihrem Spätwerk, wieder in den Vordergrund rücken sollten, beispielhaft in ihrem autobiographischen Werk Film und Verhängnis[7], in welchem sich deutliche Bezüge auf die Judenverfolgung im nationalsozialistischen Wien finden[8].

Diese Beobachtung soll als Ausgangspunkt der hier vorgenommenen Überlegungen genommen werden. Es sollen mögliche Gründe für diese deutliche Zurücknahme der expliziten Shoah-Thematisierungen bei Aichinger nach 1948 nicht primär bei ihr selbst, also in ihrer Biografie oder Poetologie, gesucht werden, sondern diese Gründe sollen im ‘Außen’ verortet werden, d.h. in den Rede- und Diskursbedingungen des literarischen Feldes der damaligen Zeit, wobei ich mich auf einen bestimmten Ausschnitt dieses Feldes, den man ‘Gruppe 47’ genannt hat, fokussieren möchte.

II

Die – der Name sagt es – 1947 entstandene legendäre Schriftsteller- und Kritikergruppe unter der Leitung von Hans Werner Richter[9], die sich von 1947 bis 1967 jährlich mindestens einmal traf[10], war für die deutsche Nachkriegsliteratur von größter Bedeutung. Sie machte Schriftstellerkarrieren und prägte bis mindestens in die 1970er Jahre hinein das literarische Leben. Der Kern der Gruppentreffen bestand aus Dichter:innen-Lesungen, denen sich eine schonungslose Diskussion der vorgelesenen Texte durch die anderen Gruppenmitglieder anschloss. Diese Prozedur des Vorlesens und des Aushaltens der anschließenden Kritik wurde durchweg als quälend empfunden: Richter selbst spricht in Hinsicht auf den Stuhl, auf dem die Vorlesenden Platz nehmen mussten, von einem ‘elektrischen Stuhl’[11]. Doch dies wurde von vielen akzeptiert, weil auf diese Weise literarische Erfolge in Aussicht standen.

Je weiter man sich historisch von der Gruppe 47 entfernt, desto kritischer werden allerdings die Stimmen über sie[12]: Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek bezog sich 1997 auf das Vorleseritual und nannte die Gruppe deshalb eine «Sadistenvereinigung»[13] und der Schriftsteller und Kolumnist Maxim Biller gab diese niederschmetternde Beschreibung:

Die Gruppe 47 war ein Kleinbürger-Stammtisch, eine Art entnazifizierte Reichsschriftumskammer, eine Vereinigung ehemaliger Nazi-Soldaten und HJler, von denen kein einziger Kraft gehabt hatte, zuzugeben, daß er für Hitler getötet und oder zumindest gehaßt hat.[14]

Diese scharfen Kritiken mögen überzeichnen; vor allem würdigen sie nicht die historische Bedeutung, die die Gruppe in der damaligen Zeit für die Neuentwicklung der deutschsprachigen Literatur hatte; aber sie treffen doch einen ganz bestimmten Nerv, der hier im Zusammenhang mit Aichinger noch weiter freigelegt werden soll.

Wie jede Gruppe konstituierte sich auch die Gruppe 47 durch bestimmte Inklusions- und Exlusionsmechanismen bzw. –prinzipien, die der Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb in seinen Forschungen zur Gruppe 47 und ihrem Verhältnis zu ihren jüdischen Mitgliedern analysiert hat[15], an denen ich mich hier, neben dem wegweisenden Aufsatz der amerikanischen Germanistin Vivian Liska[16], ganz wesentlich orientiere.

Festgelegt wurden diese Prinzipien des Ein- und Ausschlusses im Wesentlichen von Hans Werner Richter selbst. Was ex- bzw. inkludiert wurde, war einmal ein bestimmtes Literaturverständnis, mehr aber noch ein bestimmtes Gruppengefühl: Ob jemand eben ‘atmosphärisch’ bzw. der ‘Mentalität’ nach zur Gruppe ‘passte’ oder nicht, war entscheidend. Richter selbst beschrieb das so:

Wenn man den literarischen oder den kritischen, aber auch oft den politischen Maßstäben nicht gewachsen war oder den ‘Traditionen’ und der Mentalität dieser Gruppe nicht gerecht werden konnte, dann wurde die Einladung [zu den Gruppentreffen; Anm. T.P.] nicht wiederholt.[17]

Ausschlaggebend für dieses Gruppen- bzw. Zusammengehörigkeitsgefühl war die «Zentralkategorie ‘Erlebnis’»[18] – und zwar das Erlebnis des Krieges aus der Sicht eines deutschen Wehrmachtsangehörigen und das Erlebnis der Kriegsgefangenschaft sowie der Heimkehr[19]. Das aus diesen Komponenten bestehende ‘Erlebnis’ wurde von den Gründungsmitgliedern der Gruppe 47 geteilt[20] und bildete die niemals befragte, niemals debattierte Grundlage der Gruppe[21]. Natürlich änderten sich die Grundlagen im Laufe der Zeit, wurde modifiziert und abgeschwächt – ich nenne gleich eine entscheidende Modifikation –, aber waren doch bis zum Ende der Gruppe in gewisser Weise verbindlich[22].

Das Literaturverständnis der Gruppe war ursprünglich ein äußerster, an soldatischen Sprechweisen orientierter Realismus, der in Verbindung mit dem ideologischen Leitbild vom Neuanfang nach dem Kriegsende stand, was man mit aus heutiger Sicht missverständlichen Begriffen wie ‘Kahlschlag’, ‘Stunde Null’ bzw. ‘Nullpunktliteratur’ bezeichnet hat. Wenn Richter sagte: «Die Kahlschläger fangen in Sprache, Substanz und Konzeption von vorn an»[23], so wird damit über die Kontinuitäten, die die Nazi-Zeit mit der frühen Nachkriegszeit verbanden, wie es z.B. der hier dargestellte Antisemitismus ist, hinweggetäuscht.

Es sollen nur zwei Beispiele für diese Art der ‘Kahlschlag’-Literatur angeführt werden, nämlich zum einen Wolfdietrich Schnurres Kurzgeschichte Das Begräbnis über den kaum beachteten Tod Gottes im kriegszerstörten Nachkriegsdeutschland, dargestellt in einer ebenso ‘zerstörten’ Stakkato-Sprache[24], und Günter Eichs Gedicht Inventur über die wenigen kostbaren Habseligkeiten eines deutschen Kriegsgefangenen («Dies ist meine Mütze / dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug»)[25]. Dies sind paradigmatische Beispiele für dieses Literaturprogramm, welches später von Richter in das Konzept einer politisch engagierten, ‘linken’ und «sozialrealistischen»[26] Literatur überführt wurde, welches aber mehr und mehr mit moderneren Literaturkonzepten, die in der Gruppe auftauchten, in Konflikt geriet, was dann schließlich zu ihrem Zerfall führte[27].

Es ging am Anfang also um die triste deutsche Gegenwart, die Trümmerlandschaften der zerstörten Städte und um deutsche Schicksale: Kriegsgefangenschaft, Heimkehr aus dem Krieg etc. Dies war eine ganz spezifische Erinnerung, ‘Landserschicksale’[28], wie man sie genannt hat[29], die andere Erinnerungen ausschloss, beispielsweise die der in dieser Zeit gerade remigrierenden Emigranten, mit denen die Gruppe 47 nicht viel anfangen konnte, weil sie auch altersmäßig einer anderen Generation angehörten[30]. Und es war da noch eine weitere «andere Erinnerung»[31], die ausgeschlossen wurde, massiv ausgeschlossen wurde – nämlich die jüdische Erinnerung an die Shoah, die ganz sicherlich auch diese soldatische Erinnerungskultur der Gruppe 47 aufgesprengt hätte.

III

Um diese Ein- und Ausschlussmechanismen deutlich zu machen, soll auf die Tagung der Gruppe 1952 in Niendorf an der Ostsee eingegangen werden. Diese Tagung bedeutete eine durch diese Mechanismen bedingte Festlegung der Gruppe, die bis zu ihrem Ende gültig war. Diese Tagung wird auch in der Forschung immer wieder als besondere angesehen; so wird sie z.B. als ‘literarischer Paradigmenwechsel’[32], als «Ende der Kahlschlag-Periode»[33] oder schlicht als «etwas Neues»[34] eingeschätzt.

Was passierte 1952? Eingeladen waren zur Lesung drei für die Gruppe vollkommen untypische Personen: ein jüdischer Dichter, Paul Celan[35], und zwei Frauen, Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger. Aichinger war zum zweiten Mal bei der Gruppe, nachdem sie ein Jahr zuvor erstmalig teilgenommen und auch vorgelesen hatte[36]. Frauen waren bislang meistens nur als Randphänomen in der Gruppe aufgetaucht[37], z.B. als «Dichter-Gattinnen», wie sie Joachim Kaiser, einer der Star-Kritiker der Gruppe, im männlich-chauvinistischen Zeitstil der 1950er und 60er Jahre ironisch nannte und sich über sie amüsierte[38].

Celan las bei diesem Treffen seine berühmte Todesfuge vor[39] – das Gedicht, welches später zum Inbegriff, zum Paradigma der Holocaust-Lyrik bzw. überhaupt der Literatur der Shoah werden sollte. Die Reaktion der Gruppe 47 auf Celan ist bekannt: Er ‘fiel’ nicht direkt ‘durch’ (er errang sogar den dritten Platz von 21 Teilnehmern), aber er wurde doch von führenden Mitgliedern der Gruppe in massiver Weise antisemitisch ‘gemobbt’: So störte sich Hans Werner Richter an Celans ‘heller, pathetischer’ Stimme[40]; er habe, so wird ein Ausspruch Richters überliefert, «in einem Singsang vorgelesen wie in der Synagoge»[41].

Celan beschrieb selbst die Szene seiner Lesung in einem Brief an seine spätere Frau Gisèle Lestrange – und hob hier besonders die Ablehnung seiner Stimme hervor:

Diese Stimme, im vorliegenden Falle die meine, die nicht wie die der andern durch die Wörter hindurchglitt, sondern oft in einer Meditation bei ihnen verweilte, an der ich gar nicht anders konnte, als voll und von ganzem Herzen daran teilzunehmen – diese Stimme mußte angefochten werden, damit die Ohren der Zeitungsleser[42] keine Erinnerung an sie behielten. …[43]

Der spätere berühmte Rhetorik-Professor Walter Jens, der sich damals selbst als Schriftsteller versuchte (und dessen NSDAP-Mitgliedschaft erst gegen Ende seines Lebens ans Tageslicht kommen sollte), hingegen gab die Gruppensicht auf Celan wieder:

Als Celan zum ersten Mal auftrat, da sagte man: ‘Das kann doch kaum jemand hören!’ Er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht, ‘Der liest ja wie Goebbels!’, sagte einer. Er wurde ausgelacht, so daß dann später ein Sprecher der Gruppe, Walter Hilsbecher aus Frankfurt, die Gedichte noch einmal vorlesen mußte. Die Todesfuge war ja ein Reinfall in der Gruppe! Das war eine völlig andere Welt (…).[44]

Dieses Zitat zeigt den in der Gruppe herrschenden Antisemitismus in nuce: der perfide Goebbels-Vergleich, der von Richter selbst stammte[45], das Enteignen der jüdischen Stimme, indem ein anderer liest, die absolute Differenzsetzung und Exkludierung der jüdischen aus der als ‘eigen’ angesehenen Erfahrung («eine völlig andere Welt», wie Jens sagt). Diese Elemente, insbesondere die absolute Differenzsetzung des vermeintlich ‘Eigenen’ zum Jüdischen und dessen umfassende Abwertung, sind Kernelemente des Antisemitismus, der mit diesem Stereotyp, dass Juden ‘anders’ und ‘fremd’ seien, anfängt[46].

Dieser bei Richter und anderen Gruppenmitgliedern vorhandene latente Antisemitismus, der sich zuweilen eben auch manifestierte, verband sich mit dem Anspruch der Gruppe[47], der kein geringer war, als repräsentativ für die ‘neue deutsche Literatur’ zu sein[48]. Dabei störende Konzepte, die Literatur der Emigranten, die jüdische Literatur, die die Formierung dieser Literatur behindert hätten, wurden rigoros ausgeschlossen.

Die Exkludierung Celans und damit der Literatur der Shoah für alle ferneren (Gruppen-)Zeiten wurde durch die Inkludierung der beiden Frauen, Bachmann und Aichinger[49], kontrapunktiert, die sogar eine emphatische Inkludierung war, insoweit Bachmann von nun an als eine Art Aushängeschild der Gruppe fungierte (man denke nur an das berühmte SPIEGEL-Titelbild aus dem Jahr 1954 mit ihr), und insoweit der Preis der Gruppe Aichinger, die ihre Spiegelgeschichte vorgelesen hatte, zugesprochen wurde[50].

Diese Geschichte war sehr gut ausgewählt; und es ist bekannt, dass Richter selbst vorher Aichinger in Wien besucht und ihr geraten hatte, diese bereits zweimal publizierte Geschichte vorzulesen[51]. Beides, also sein Ratschlag vorher und die Tatsache, einen bereits publizierten Text zu lesen (es waren eigentlich nur noch nicht veröffentlichte Texte zur Lesung zugelassen)[52], war sehr ungewöhnlich und machte diese Preisverleihung, ganz unabhängig von der hohen literarischen Qualität ihres Textes, fast zu einer Art Inszenierung.

IV

Es soll kurz auf die wichtige Vorgeschichte der Preisverleihung an Aichinger eingegangen werden, die darin besteht, dass Hans Werner Richter sie 1952 vor der Gruppensitzung in Wien besuchte. Man kann sich das vielleicht so vorstellen, dass Richter nach Wien kam, nicht so sehr, um zu klären, inwieweit Aichinger gruppentauglich war – das hatte sie ja bereits 1951 unter Beweis gestellt –, aber vielleicht doch, um auszuloten, inwieweit sie gruppenpreistauglich war. Aichinger und Richter unterhielten sich bei seinem Besuch miteinander, gingen in Wien spazieren – und er schreibt dann darüber:

Nie erwähnte sie in dieser Unterhaltung ihre Vergangenheit, etwa im Dritten Reich. Es war, als hätte sie selbst den Mantel des Vergessens darübergehängt. Nur einmal sagte sie: ‘Hier, an dieser Stelle, habe ich gestanden, als meine Verwandten abtransportiert wurden’. Diesen Satz habe ich behalten. Bis heute. Damals fragte ich nicht weiter, vielleicht aus Angst, mehr zu erfahren, als ich hören wollte.[53]

Diesen ‘Mantel des Vergessens’, den hat Aichinger natürlich nicht über ihre Erfahrungen mit den Nazis und der Shoah ‘gehängt’, sondern diese waren vielmehr für sie Schreibanlass, um Schriftstellerin zu werden, um ihren Roman Die größere Hoffnung zu schreiben, den Richter mit keinem Wort erwähnt. Er spricht ihr hier vielmehr genau diese Vergangenheitsbewältigungsstrategie zu, mit der er und seine Freunde nach dem Krieg als ehemalige Nazi-Soldaten weitermachen konnte, nämlich eben diesen ‘Mantel des Vergessens’ über ihre peinliche Vergangenheit zu hängen, um Fragen wie etwa die nach dem Widerspruch zwischen Anti-Hitler-Gesinnung und kämpfen und töten für Hitler gar nicht erst aufkommen zu lassen[54].

Indem Richter Aichinger hier sein eigenes – und das der Gruppe, wird man hinzufügen müssen – Erinnerungs- bzw. mehr noch Vergessens- oder eben Verdrängungskonzept[55] überstülpte, machte er sie zu einer der ihren, nahm er sie – quasi in dem Augenblick dieser Begegnung – in den Kern seiner Gruppe auf. Dieser Spaziergang in Wien und Richters Projektion seines Verdrängungskonzepts auf Aichinger bedeuteten ihre Aufnahme in die Gruppe 47.

Aichingers Versuch dagegen durch ihren Hinweis auf die konkrete ‘Stelle’ von der aus sie dem ‘Abtransport’ ihrer jüdischen Verwandten (ihrer Großmutter mit ihrer Tochter und ihrem Sohn, die die jüngeren Geschwister ihrer Mutter waren) mitansehen musste – es handelte sich hier um die für Aichingers spätere Poetologie zentral wichtige Schwedenbrücke in Wien[56] – ein Gespräch zu initiieren, fällt ins Leere. Damit wird die Möglichkeit eines Gespräches über diese Zeit im Keim erstickt. Aichinger musste die Unmöglichkeit einer expliziten Thematisierung der Shoah-Erinnerung in diesem gewissermaßen von Richter kontrollierten Diskurs-Universum damals klar geworden sein.

V

Anfang der 1950er Jahre musste die Gruppe erkennen, dass ihr anfänglich praktiziertes schlichtes Realismus-Konzept in die Jahre gekommen war. Man suchte, um nicht antiquiert zu werden, nach einer «moderate[n] Literatur der Moderne»[57]. Dem entsprach Aichingers Spiegelgeschichte in nahezu idealer Weise: Sie war modern, was durch Aichingers gegenchronologische Erzählweise erreicht wird[58], aber sie war nicht zu modern, da Aichinger weiterhin realistisch – und nicht etwa surreal – erzählte. Auch war diese Geschichte augenscheinlich keine Shoah-Erinnerung (ihre hintergründige ‘Dimension Auschwitz’ hat die Forschung erst wesentlich später wahrgenommen)[59]. Wie sehr die Gruppe 47 die Spiegelgeschichte schätzte, mag man daran ersehen, dass nach Aichingers Lesung sogar Beifall geklatscht wurde, was sonst nicht üblich war.

Mit dieser Geschichte wurde Aichinger in die Gruppe aufgenommen; eine Aufnahme, die sie zudem durch ihre Heirat mit Günter Eich, einem der führenden Gruppenmitglieder, der selbst stark NS-belastet war, bestärkte[60]. Gruppen- und Privatleben gingen hier Hand in Hand: Beide hatten sich bei der Gruppentagung 1951 kennen-, bei der nächsten Tagung 1952 lieben gelernt[61] und heiratete 1953; Hans Werner Richter war Trauzeuge.

Besonders durch die ‘Behandlung’ Celans und ihre Begegnung mit Richter in Wien vorher musste Aichinger allerdings erfahren, dass für jüdische Themen, für die explizite Integration der Shoah-Erfahrungen und -Erinnerungen in die deutschsprachige Literatur jedenfalls dieser tonangebenden Gruppe kein Platz war[62].

Die starke Verrätselung von Aichingers Literatur[63] oder ihre starke Betonung des Schweigens[64] in der Folgezeit könnte man auch – neben einer Reihe anderer Faktoren[65] – im Zusammenhang dieser Integration bzw. Inklusion sehen, die den Preis der Exklusion der expliziten jüdischen Problematik bei ihr jedenfalls für eine gewisse Zeit hatte[66]. Es soll hier keineswegs eine eindeutige, womöglich kausale Abhängigkeit konstruiert werden, sondern diese beiden Tatsachenblöcke, das Zurücktreten der expliziten Shoah-Thematisierungen bei Aichinger und der Antisemitismus der Gruppe 47, sollen lediglich in eine mögliche Beziehung zueinander gesetzt werden[67].

Aichinger war bereit für ihren Eintritt in diese Gruppe und ihre Anerkennung durch sie den Preis einer temporären Hintanstellung bzw. Verrätselung der literarischen Aufzeichnungen ihrer Shaoh-Erinnerungen zu zahlen; eine Verrätselung, die Aichinger zuweilen auch subversiv einsetzte, um sich kritisch von der Gruppe abzugrenzen. Das beste Beispiel dafür ist vielleicht ihr 1965 entstandener – und höchst rätselhafter – Text Der Engel, der in dem Band Eliza Eliza publiziert wurde[68]. Vivian Liska entziffert diesen Text kunstvoll als ein «Netz von Verweisen auf die Gruppe 47»[69]. Aichinger kritisiere hier insbesondere das literarische Programm der Gruppe 47, die sie als «Nachkommen (…) eine[r] totalitäre[n] Ordnung» ansehe, die selbst «mörderisch[e] Einstimmigkeit» fordere; damit sei das «Versprechen» der Gruppe 47 «eines radikalen Neubeginns (…) trügerisch und verleugne[] die Spuren der Vergangenheit»[70]. Diese kritische Distanzierung Aichingers ist allerdings so verrätselt, dass sie von Zeitgenossen nicht zu entschlüsseln war.

Man könnte es auch so sagen: Aichingers Shoah-Erinnerungen und Shoah-Thematisierungsversuche wurden latent, waren nicht mehr manifest, um das Freud’sche Traummodell hier zu benutzen. Dieser Eintritt in die Gruppe und die Auszeichnung ihrer Spiegelgeschichte gaben ihrer literarischen Karriere, die direkt nach dem Krieg in Österreich mit der Publikation ihres einzigen Romans[71] (und des Zeitungsartikels Das vierte Tor)[72] begonnen hatte[73], den entscheidenden Anschub für ihren «Durchbruch in Deutschland»[74].

Um am Ende noch eines klarzustellen: Der Antisemitismus der Gruppe 47 war ein differenzierter; man hatte ja sogar eine ganze Reihe jüdischer Mitglieder: eben Aichinger, als Kritiker Marcel Reich-Ranicki, Celan durfte, wie gezeigt, einmal lesen, Peter Weiss und Erich Fried auch – und dann gab es auch noch die Gruppenmitglieder Hermann Kesten und Wolfgang Hildesheimer. Man muss aber trotzdem (und da stimme ich vollkommen mit Klaus Briegleb überein) von einem Antisemitismus sprechen, einem fundamentalen und strukturellen Antisemitismus, der eine ganz spezifische Erinnerungspolitik mitsamt ihrer Literatur, die man heute als die frühe (west-)deutsche und österreichische Nachkriegsliteratur ansieht, hervorbrachte. Für jüdische Stimmen, die explizit von der Shoah sprachen, war in dieser Literatur kein Platz. Motive für diesen Ausschluss lagen in einem tradierten Antisemitismus, verbunden mit dem kollektiven Erfahrungshintergrund der Nazi-Zeit und dem Kriegserlebnis der Gründergeneration, vor allem aber in dem aktuellen Bestreben der Gruppe 47, eine einheitliche Literatur der jungen Generation zu schaffen, die für sich das Monopol in ‘Sachen deutscher Vergangenheit’ beanspruchte[75], bei dem abweichende Stimme, wie die der Emigranten, die der Juden, nur gestört hätten.

Ilse Aichinger ist – wie vielleicht persönlich distanziert auch immer – Teil dieser spezifischen Erinnerungskultur der Gruppe 47 und ihrer Literatur geworden. Sie hat sich sozusagen in diese Gruppe hinein ‘übersetzt’, sich ihr aber zugleich auch durch ihre spezifische Schreibweise später mehr und mehr entzogen; damit verbunden war eine gewisse Verrätselung, ja Unverständlichkeit ihrer Texte[76], die erst mit ihrem Spätwerk aufgebrochen wurde. Aichinger selbst hat im Übrigen ihre Beziehung zur Gruppe 47 selbst nie ausdrücklich problematisiert, sondern immer wieder positive Seiten der Gruppentreffen oder auch bei Richter selbst[77] hervorgehoben: So lobte sie z.B. die Komik[78] der Gruppe 47, ihre «Atmosphäre der Heiterkeit» oder auch die «Freundschaften»[79], die in ihr und durch sie entstanden seien[80].

Trotz dieser etwas oberflächlichen positiven Aussagen über die Gruppe, stellte sie für Aichinger einen im Grunde doch nur sehr begrenzten Diskursraum zur Verfügung, wie hier ausgeführt wurde. Man kann die hier angesprochene Problematik auch literarisch ausdrücken – und zwar so, dass «alle Möglichkeiten (…) in dem Spielraum der Fesselung [lagen]» – oder, etwas anders gesagt, «daß Fliegen nur in einer ganz bestimmten Art der Fesselung möglich war»[81]. Diese Zitate stammen aus Aichingers Erzählung Der Gefesselte mit der sie 1951 ihr Debüt bei der Gruppe 47 gab. Sie wusste also ganz genau, worauf sie sich einließ![82]

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Schmaus, Marion: Die Autorin tritt aus dem Spiegel. Infragestellung von Autorschaft in Ilse Aichingers Werk. In: Britta Herrmann/Barbara Thums (Hg.): «Was wir einsetzen können, ist Nüchternheit». Zum Werk Ilse Aichingers. Würzburg: Königshausen und Neumann 2001, S. 79-92.

Schnurre, Wolfdietrich: Man sollte dagegen sein. In: Hans Werner Richter (Hg.): Almanch der Gruppe 47. 1947-1962. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 60-64.

Sonnleitner, Johann: Grenzüberschreitungen. Ilse Aichinger und die Gruppe 47. In: Stuart Parkes/John J. White (Hg.): The Gruppe 47 fifty years on a re-appraisal of its literary and political significance. Amsterdam u.a.: Rodopi 1999, S. 195-212.

Sonnleitner, Johann: Lyrik nach Auschwitz. Der Fall Ilse Aichinger. In: Ingeborg Rabenstein-Michel (Hg.): Ilse Aichinger – Mißtrauen als Engagement? Würzburg: Königshauen & Neumann 2009, S. 17-25.

Straub, Wolfgang: Ilse Aichinger innerhalb/außerhalb der Wiener Netzwerke um 1950. In: Christine Frank/Sugi Shindo (Hg.): Konstellationen österreichischer Literatur: Ilse Aichinger. Wien: Böhlau 2024, S. 146-158.

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Young: James E.: Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation. Aus dem Amerikanischen von Christa Schuenke. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997.  



[1] Eine der eindringlichsten Texte zu diesem Themenkomplex ist der Essay des Herausgebers der Werke Aichingers Richard Reichensperger: Die Bergung der Opfer in der Sprache. Über Ilse Aichingers Leben und Werk. In: Samuel Moser (Hg.): Ilse Aichinger. Leben und Werk. Aktualisierte und erweiterte Neuauflage. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 22003, S. 83-97. In der neueren Forschung wird darauf hingewiesen, dass die ältere Aichinger-Forschung das «Gravitationszentrum» Auschwitz für Aichingers «Poetik des Schweigens» ignoriert habe (Johann Sonnleitner: Lyrik nach Auschwitz. Der Fall Ilse Aichinger. In: Ingeborg Rabenstein-Michel (Hg.): Ilse Aichinger – Mißtrauen als Engagement? Würzburg: Königshauen & Neumann 2009, S. 17; vgl. dazu auch Hannah Markus: Ilse Aichingers Lyrik. Das gedruckte Werk und die Handschriften. Berlin/Boston: De Gruyter 2015, S. 19).

[2] So Aichinger in einem Interview: «Ich wollte zuerst nur einen Bericht schreiben darüber, wie es wirklich war. Das [d.h. ihr Roman Die größere Hoffnung; Anm. T.P.] ist dabei herausgekommen, aber doch auf eine ganz andere Weise, als ich es mir vorgestellt habe. Und wie ich damit fertig war, war ich ins Schreiben geraten» (Manuel Esser: «Die Vögel beginnen zu singen, wenn es noch finster ist». Auszug aus einem Gespräch mit Ilse Aichinger. In: Moser 22003, S. 50).

[3] Christine Ivanovic: Inkubation – Vom langen Weg der Erfahrung in die Texte oder Die Wiederkehr der Zwillingsforschung bei Ilse Aichinger und Hans-Ulrich Treichel. In: Stephan Braese/Dominik Groß (Hg.): NS-Medizin und Öffentlichkeit. Formen der Aufarbeitung nach 1945. Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag 2015, S. 302.

[4] Vgl. zu ihr beispielhaft James E. Young: Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation. Aus dem Amerikanischen von Christa Schuenke. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997.

[5] Ivanovic 2015, S. 302.

[6] Ilse Aichinger: Kleist, Moos, Fasane. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 42016.

[7] Vgl. Ilse Aichinger: Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2001.

[8] Vgl. dazu auch Markus 2015, S. 136.

[9] Neben Schriftstellern und Kritikern waren bei den Gruppentreffen Verlagsvertreter und Gäste anwesend. Nur der Gruppenorganisator, Hans Werner Richter, lud zu diesen Treffen ein.

[10] Von 1947 bis 1967 fanden zunächst zweimalige, später einmalige jährliche Treffen statt, die aus Lesungen mit anschließender Gruppenkritik bestanden, später gab es noch einige Jubiläumstreffen (vgl. zur Übersicht der Tagungen: Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag 2004, S. 143f.). Die umfangreiche Forschungsliteratur zur Gruppe 47 kann hier nicht aufgeführt werden; wichtige Untersuchungen sind z.B. Justus Fetscher u.a. (Hg.): Die Gruppe 47 in der Geschichte der Bundesrepublik. Würzburg: Königshausen und Neumann 1991 und Friedhelm Kröll: Zero Point. Zur Frühgeschichte der Gruppe 47. In: Das Plateau 44 (1997), S. 40-47 sowie die in diesem Aufsatz genannten Arbeiten.

[11] Vgl. Hans Werner Richter: Fünfzehn Jahre. In: Hans Werner Richter (Hg.): Almanach der Gruppe 47. 1947-1962. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1962, S. 12.

[12] Diese Umwertung der Einschätzung der Gruppe 47 zeigt sich auch in der Forschung über sie: Waren es bis etwa zur Jahrtausendwende überwiegend positive Würdigungen, so änderte sich dies dann, sodass von einer «Revision der weithin affirmativen Geschichtsschreibung der Gruppe 47» (Stephan Braese: Vorwort, in: ders. (Hg.): Bestandsaufnahme. Studien zur Gruppe 47. Berlin: Schmidt 1999, S. 8) gesprochen werden muss.

[13] Zit. nach Arnold 2004, S. 10.

[14] Biller, zit. nach Arnold 2004, S. 10. Der Deutschlandfunk betitelte 2017 eine Jubiläumssendung über die Gruppe 47 mit der Überschrift «Männerverein mit Damenbegleitung»; vgl. LINK (abgerufen am 6.11.2023).

[15] Vgl. Klaus Briegleb: ‘Neuanfang’ in der westdeutschen Nachkriegsliteratur – Die Gruppe 47 in den Jahren 1947-1951, in: Braese 1999, S. 35-63 und Klaus Briegleb: Mißachtung und Tabu. Eine Streitschrift zur Frage: Wie antisemitisch war die Gruppe 47? Berlin/Wien: Philo 2003.

[16] Vgl. Vivian Liska: Sofies Engel. Ilse Aichinger und die Gruppe 47. In: dies.: Fremde Gemeinschaften. Deutsch-jüdische Literatur der Moderne. Göttingen: Wallstein-Verlag 2011, S. 231-244.

[17] Richter 1962, S. 12.

[18] Briegleb 1999, S. 43.

[19] Weshalb Briegleb sagen kann, dass das Erlebnis «im Heimkehrer verkörpert» (ebd.) ist; er spricht auch vom «Heimkehrdiskurs», der das «klare Profil eines Nationaldiskurses» (Briegleb 2003, S. 273) zeige.

[20] Gebildet wurde die Gruppe zunächst zumeist von ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die sich nichtsdestotrotz selbst als ‘Opfer’ verstanden, da sie als junge Menschen Soldaten werden mussten. Vgl. diese Kennzeichnung über die Gründungsmitglieder der Gruppe 47: «Diese ‘jungen’ Soldaten wollten mit diesen Verbrechen [der Nationalsozialisten; Anm. T.P.] nichts zu tun haben, sie (…) empfanden sich als Opfer des ‘Dritten Reichs’ (…)» (Arnold 2004, S. 12).

[21] Vgl. Stephan Braese: Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Berlin/Wien: Philo 2001, S. 239; Briegleb sieht die Gruppe 47 «im Kern begründet als Konstrukt eines Kriegsnarzißmus» (Briegleb 1999, S. 48).

[22] Insoweit Richter allein darüber befand, wer zu den Gruppentagungen eingeladen wurde.

[23] Richter 1962, S. 9.

[24] Vgl. z.B.: « ‘Frau!’ ruf ich, ‘n Mantel!’ ‘Wieso n?’ brummelt sie oben. ‘Frag nich so blöd’, sag ich; ‘muß zur Beerdigung’» (Wolfdietrich Schnurre: Man sollte dagegen sein. In: Hans Werner Richter (Hg.): Almanch der Gruppe 47. 1947-1962. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 60). Schnurre las diese Geschichte als ersten Text beim ersten Treffen der Gruppe 47 vor, der, wohl auch deshalb, als «Paradestück des frühen Gruppe 47-Literaturprogramms» (Arnold 2004, S. 36) angesehen wurde.

[25] Eich, zit. nach Richter 1962, S. 9. Dieses Gedicht wurde von Richter als beispielhaft angesehen (vgl. ebd.).

[26] Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2012, S. 218; Briegleb spricht von einem «Antifaschismus» der Gruppe, der «das Denken der Shoah ausblendet» (Briegleb 2003, S. 189).

[27] So sei bereits 1957 ein «ästhetischer Dissens» offen ausgebrochen (Böttiger 2012, S. 220).

[28] Mit ‘Landser’ bezeichnet man volkstümlich einfache deutsche Heeressoldaten.

[29] Vgl. Arnold 2004, S. 41.

[30] Exilanten wie z.B. Thomas Mann, Bertolt Brecht oder Lion Feuchtwanger wurden alle noch im 19. Jahrhundert geboren.

[31] Vgl. Braese 2001; zu dieser doppelten Ausschließung von Emigranten und Juden vgl. auch Briegleb 1999, S. 51 u. Briegleb 2003, S. 87 u. besonders zu den ‘Re-emigranten’ S. 102-106.

[32] Vgl Arnold 2004, S. 72; wenn allerdings behauptet wird, dass dieser «ästhetische Paradigmenwechsel (…) mit drei Namen: Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Paul Celan» (ebd., S. 72f.) verbunden sei, so ist dies schlechtweg falsch, da Celan – und mit ihm der jüdische Diskurs bzw. die Holocaustliteratur – gerade ausgeschlossen wurde.

[33] Briegleb 2003, S. 97.

[34] Böttiger 2012, S. 148.

[35] Zu Celans Einladung vgl. u.a. Briegleb 2003, S. 183-196.

[36] Aichinger war über ihre Arbeit an der Volkshochschule Ulm, die von Inge Scholl, Schwester der Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl, gegründet worden war, in Kontakt zu Hans Werner Richter gekommen, der dort einen Vortrag gehalten hatte und sie zur Gruppe einlud (vgl. Esser 22003, S. 51).

[37] So gab es z.B. die Künstlerin Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus im Allgäu das Gründungstreffen der Gruppe 47 stattfand. Grundsätzlich zu den Frauen in der Gruppe 47 vgl. Wiebke Lundius: Die Frauen in der Gruppe 47. Zur Bedeutung der Frauen für die Positionierung der Gruppe 47 im literarischen Feld. Berlin: Schwabe Verlag 2017.

[38] Joachim Kaiser: Physiognomie einer Gruppe, in: Hans Werner Richter (Hg.): Almanach der Gruppe 47. 1947-1962. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1962, S. 44.

[39] Weiter soll er folgende Gedichte gelesen haben: Ein Lied in der Wüste, In Ägypten, Zähle die Mandeln. In dem von Hans Werner Richter herausgegebenen Almanach der Gruppe 47 werden diese Gedichte sowie Schlaf und Speise und Die Jahre von dir zu mir mit der Bemerkung, dass Celan diese 1952 auf der Tagung gelesen habe, genannt; Richter unterschlägt allerdings bei dieser Aufzählung die Todesfuge; zum Streit um die Aufnahme dieses Gedichts vgl. Briegleb 2003, S. 201ff.

[40] Diese Stimme sei ihm «verhaßt» wird überliefert (vgl. Briegleb 2003, S. 100). Eine genaue Analyse dieser Lesung in Hinsicht auf Celans Stimme gibt Cornelia Epping-Jäger: ‘Diese Stimme mußte angefochten werden’. Paul Celans Lesung vor der Gruppe 47 als Stimmereignis. In: Günter Butzer/Joachim Jacob (Hg.): Berührungen. Komparatistische Perspektiven auf die frühe deutsche Nachkriegsliteratur. München u.a.: Fink 2012, S. 263-280.

[41] Dies überliefert der bei der Lesung anwesende Schriftsteller Milo Dor: Auf dem falschen Dampfer. Fragmente einer Autobiographie. Wien/Darmstadt: Zsolnay1988, S. 214.

[42] In dem natürlich privaten Brief an seine spätere Frau äußert sich Celan sehr abschätzig über die Gruppe und schreibt, dass man unter den Gruppenmitgliedern «eine große Zahl Ungebildeter, Aufschneider und Halbversager» finde bzw., wie er hier sagt, eben «Zeitungsleser» (Bertrand Badiou (in Verbindung mit Eric Celan) (Hg.): Paul Celan – Gisèle Celan-Lestrange. Briefwechsel. Mit einer Auswahl von Briefen Paul Celans an seinen Sohn Eric. Erster Bd. Die Briefe. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001, S. 20).

[43] Ebd., S. 22.

[44] Jens, zit. nach Arnold 2004, S. 76.

[45] Er beschreibt diese Szene in seinem Tagebuch anlässlich des Selbstmords von Celan 1970 in der Rückschau so: «Nach der Lesung Celans beim Mittagessen hatte ich ganz nebenbei und ohne jede Absicht gesagt, daß die Stimme Celans mich an die Stimme Joseph Goebbels erinnere. Da beide Eltern Celans von der SS umgebracht wurden, kam es zu einer dramatischen Auseinandersetzung. Paul Celan verlangte Rechenschaft und versuchte mich in die Position eines ehemaligen Nationalsozialisten zu drängen. Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann weinten und baten mich unter wahren Tränenströmen immer wieder, mich zu entschuldigen, was ich dann schließlich tat. Trotzdem, Paul Celan hat es mir nie vergessen» (Hans Werner Richter: Mittendrin. Die Tagebücher 1966-1972, hg. v. Dominik Geppert in Zusammenarbeit mit Nina Schnutz. München: Beck 2012, S. 158). Diese Szene zeigt in erschreckender Weise die Unsensibilität Richters im Umgang mit jüdischen Shoah-Überlebenden, wie sie Celan und Aichinger waren.

[46] Antisemitismus, als Judenfeindschaft, geht von dem Stereotyp aus, dass Juden eine einheitliche und dem ‘Eigenen’ gegenüber fremde und andere Gruppe – bzw., in der nationalsozialistischen Ideologie dann, ‘Rasse’ – seien (vgl. LINK; abgerufen am 10.2.2024).

[47] Auch der spätere Umgang mit dem deutsch-jüdischen Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, der die Nazizeit in Palästina überlebte und nach Kriegsende nach Deutschland remigrierte (vgl. Braese 2001, S. 236ff.), und Peter Weiss, der einen jüdischen Vater hatte, zeigte, dass die Gruppe 47 ihren Antisemitismus nie aufarbeitete – er trat wohl nicht einmal als Problem ins Bewusstsein. Heinz Ludwig Arnold sah Peter Weiss als ‘Fremden’ in der Gruppe an – u.a. wegen «der intensiven, geradezu obsessiven Form seiner Auseinandersetzung mit dem Holocaust» (Arnold 2004, S. 120).

[48] Richter drückte dies einmal so aus: «Die Männer des Kahlschlags schreiben die Fibel der neuen deutschen Prosa» (Richter 1962, S. 9).

[49] Polemisch spricht Briegleb von der Festigung der Selbstliebe einer vitalen Männergruppe durch die weibliche Ergänzung bzw. von einer «weiblich erneuerten deutschen Männergruppe» (Briegleb 2003, S. 166 u. S. 194).

[50] Briegleb nennt das die «Preiskrönung Ilse Aichingers», verbunden mit der «Inthronisation Ingeborg Bachmanns» (ebd., S. 167). Zum Verhältnis Aichingers zur Gruppe 47 vgl. u.a. Johann Sonnleitner: Grenzüberschreitungen. Ilse Aichinger und die Gruppe 47. In: Stuart Parkes/John J. White (Hg.): The Gruppe 47 fifty years on a re-appraisal of its literary and political significance. Amsterdam u.a.: Rodopi 1999, S. 195-212; Joanna Jabłkowska: Österreichische Holocaustliteratur? Oder ein Kafka-Duplikat? Zu Ilse Aichinger und der Gruppe 47. In: Butzer/Jacob 2012, S. 123-135 und den schon erwähnten wegweisenden Aufsatz von Liska 2011.

[51] Die Spiegelgeschichte wurde zunächst in drei Teilen in der Wiener Tageszeitung 1949 veröffentlicht (vgl. die bibliografische Information in Ilse Aichinger: Der Gefesselte. Erzählungen (1948-1952). Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1998, S. 115) und danach noch einmal im Januar-Heft der Zeitschrift Merkur publiziert (vgl. Ilse Aichinger: Spiegelgeschichte. In: Merkur 6 (1952) H. 47, S. 70-77).

[52] Vgl. Arnold 2004, S. 61.

[53] Hans Werner Richter: Im Etablissement der Schmetterlinge. Berlin: Wagenbach 2004, S. 15. Es gibt eine merkwürdige Wiederaufnahme dieser Begegnung in Richters Tagebuch 1969, also 17 Jahre später: Zunächst schreibt er sehr abfällig über Aichinger, dass sie «alt geworden» und ihr «nervöses Augenklappern krankhafter» sei und sie sich nicht in ihrem Manuskript «zurecht» fände, dass sie «offensichtlich (…) zu viel» trinke. Dann kommt die Erinnerung an 1952: «Damals in Wien eine junge Frau in Hosen, mit langen Haaren, die mich an George Sand erinnerte. Wir fuhren beide um Wien herum, spazierten in den Wäldern, aßen zusammen Mittag, waren sehr vergnügt und lagen nebeneinander in den Feldern, ohne daß etwas geschah. Es war Vorfrühling. Es war seltsam. Sie war damals überwältigend schön, aber da war auch etwas anderes, eine Kluft, ein Abgrund, der nicht zu überspringen war. Dann kam der Erfolg, kam die Ehe mit Günter Eich, kamen die Kinder, das Leben, und heute: eine ausgewaschene, von der Tragik ihres Lebens zerstörte Frau. Vielleicht ist das ein Irrtum, vielleicht sehe ich sie nur so. Aber dieses ‘Vielleicht’ ist schon schlimm genug» (Richter 2012, S. 137). Hier ist also wieder diese oben erwähnte Differenzsetzung – die «Kluft», der «Abgrund» – zum ‘Jüdischen’ zu finden (obwohl Richter natürlich nicht explizit davon spricht).

[54] 1962 schreibt Richter, dass die Gründungsmitglieder der Gruppe 47 deutsche Soldaten in Kriegsgefangenenlagern in den Vereinigten Staaten gewesen seien: «Sie kamen fast alle aus dem sozialistischen Lager, waren strikte Gegner des Nationalsozialismus gewesen, dem sie doch als Soldaten hatten diesen müssen (…)» (Richter 1962, S. 11). Mit einem solchen Satz wird jegliche Diskussion über die Vergangenheit, über ihre Rolle als Mittäter etc. abgewürgt.

[55] Dies ist genau die Haltung, die Alexander und Margarete Mitscherlich in ihrem berühmt gewordenen Buch anprangerten (vgl. Alexander Mitscherlich/Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München: Pieper 1967).

[56] Diese Deportation geschah am 6. Mai 1942. Aichingers Verwandte wurden über den Wiener Aspangbahnhof dann mit dem Zug in das in der Nähe von Minsk (heute Belarus) gelegene Vernichtungslager Maly Trostinec deportiert, wo sie gleich nach der Ankunft ermordet wurden. Dieses Schicksal teilten sie mit insgesamt über 40.000 Wiener Juden und Jüdinnen. Zur zentral wichtigen Rolle dieser Szene und der Schwedenbrücke für Aichingers Poetologie vgl. u.a. Roland Berbig: Schwedenbrücke. In: Birgit R. Erdle/Annegret Pelz (Hg.): Ilse Aichinger Wörterbuch. Göttingen: Wallstein Verlag 22021, S. 228-231.

[57] Arnold 2004, S. 72.

[58] Die hochkomplexe Struktur der Spiegelgeschichte – auf die ich hier nicht eingehen kann – wurde erst in neueren Interpretationen weitreichender geklärt (vgl. z.B. David L. Colclasur: Erzählkunst und Gesellschaftskritik in Ilse Aichingers Spiegelgeschichte. Eine Neuinterpretation. In: Modern Austrian Literature 22 (1999), No. 1, S. 67-89 und Hannah Markus: «Schnell, solang du noch tot bist». Ilse Aichingers Spiegelgeschichte. In: Mona Körte (Hg.): Rückwärtsgänge. Retrogrades Erzählen in Literatur, Kunst und Wissenschaft. Sonderheft Zeitschrift für deutsche Philologie 138 (2020), S. 43-63).

[59] Vgl. Katharina Meiser: Die ‘Dimension Auschwitz’ in Ilse Aichingers Spiegelgeschichte. In: Weimarer Beiträge 63 (2017) H. 1, S. 44-58.

[60] Eich war in der NS-Zeit literarisch aktiv gewesen war: Er hatte in dieser Zeit ca. 150 Rundfunkmanuskripte verfasst und sogar einen Antrag auf Mitgliedschaft bei der NSDAP im Mai 1933 gestellt, der aber abgelehnt wurde, wahrscheinlich weil bei der großen Eintrittswelle nach der Machtübernahme der Nazis Ende Januar 1933 die Partei einen Aufnahmestopp verhängt hatte; vgl. Ulrich Greiner: Ein Streit um Eich. In: DIE ZEIT 16 (1993); LINK (abgerufen am 6.11.2023). Die Nazi-Verstrickungen anderer Mitglieder der Gruppe waren vielen Jahrzehnte unbekannt, wie die Mitgliedschaft von Günter Grass in der Waffen-SS, die er erst 2006 enthüllte, oder die NSDAP-Mitgliedschaft von Walter Jens, die 2003 bekannt wurde.

[61] Vgl. ihre Schilderung der Begegnung mit Eich beim Gruppentreffen 1952 im Interview: «Irgend etwas fehlt. Und dann habe ich plötzlich den Günter Eich den Strand entlanggehen sehen, und da wußte ich, was gefehlt hat» (Aichinger, in: Esser 22003, S. 51). Zur Beziehung Aichingers zu Eich, auch unter poetologischen Gesichtspunkten, vgl. Katja Gasser: Eich. In: Erdle/Pelz 22021, S. 76-79.

[62] Vgl. treffend: «In den Texten, die die Autorin [= Aichinger; Anm. T. P.] Anfang der 1950er Jahre während der Sitzungen der Gruppe 47 vorstellt, verschwindet das jüdische Schicksal auf der Ebene der Handlung völlig» (Jabłkowska 2012, S. 135).

[63] Vgl. z.B. ihren Gedichtband Verschenkter Rat (vgl. Ilse Aichinger: Verschenkter Rat. Gedichte. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1996), in dem in sehr indirekter Weise Shoah-Erfahrungen angesprochen werden (vgl. Markus 2015, S. 88), z.B. in der Anrufung der abwesenden Großmutter: «Großmutter, wo sind deine Lippen hin, / um die Gräser zu schmecken» (Aichinger 1996, S. 14; vgl. auch das «Meiner Großmutter» betitelte spätere Gedicht; ebd., S. 63) oder in den Gedichtzeilen «Es liegt alles offen, / die Gehäuse der Rabbiner» (ebd., S. 43). Auch gehört das Gefühl einer dauernden Unsicherheit und Bedrohung sicherlich in diesen Erfahrungsbereich; vgl. z.B. «Ein ruhiger Junitag / bricht mir die Knochen» (ebd., S. 91).

[64] Aichinger spricht von einem ‘engagiertem Schweigen’ (vgl. Aichinger 42016, S. 108). Zur poetologischen Dimension des Schweigens bei ihr vgl. u.a. Marion Schmaus: Die Autorin tritt aus dem Spiegel. Infragestellung von Autorschaft in Ilse Aichingers Werk. In: Britta Herrmann/Barbara Thums (Hg.): «Was wir einsetzen können, ist Nüchternheit». Zum Werk Ilse Aichingers. Würzburg: Königshausen und Neumann 2001, S. 83f.

[65] Es wären natürlich auch poetologische Faktoren denkbar, also solche, die in Aichingers Dichtung und Dichtungsverständnis selbst lägen, die zu einer Verrätselung ihrer Literatur beigetragen haben. Darauf macht z.B. Thomas Wild aufmerksam, wenn er ‘Erinnerung’ bei Aichinger unter dem Begriff des ‘gleitenden Paradoxons’ zu fassen versucht, was heißen soll, dass jede Erinnerung nicht zu ‘Synthesen des Widersprüchlichen’, sondern zu neuen Unbegreiflichkeiten führt (vgl. Thomas Wild: ununterbrochen mit niemandem reden. Lektüren mit Ilse Aichinger. Frankfurt am Main: S. Fischer 2012, S. 14-29). Aichingers Formulierung dafür lautet: «Erinnerung begreift sich nicht zu Ende» (Aichinger 42016, S. 18).

[66] Vivian Liska sieht Aichinger aufgrund ihres «jüdischen Schicksals» in einer gewissen Distanz zur Gruppe 47 stehen: Sie «gehörte (…) nie ganz dazu» (Liska 2011, S. 237f.).

[67] Es wäre vielleicht am besten, in dieser Hinsicht von einer Korrelation zu sprechen, in dem Sinn, dass beide Faktoren zusammenhängen könnten. Die Aichinger Forschung sieht diese Zusammenhänge z.T. durchaus: So ist es z.B. die These von Vivian Liska, dass sich aufgrund «der in der Gruppe vorherrschenden Praxis des ‘Nicht-Erinnerns’» (Liska 2011, S. 238) an die Shoah Aichinger spätestens ab den 1960er Jahren von ihr distanziert habe. Deutlichster Ausdruck dieser Distanzierung sei ihre in dieser Zeit immer hermetisch werdende Prosa.

[68] Vgl. Ilse Aichinger: Eliza Eliza. Erzählungen (1958-1968). Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1996, S. 113-121.

[69] Liska 2011, S. 241.

[70] Ebd., S. 244.

[71] Heute wird Die größere Hoffnung gar, neben Musils Der Mann ohne Eigenschaften, als «Grundbuch» der österreichischen Literatur angesehen, so von Richard Reichensperger: Ilse Aichingers frühe Dekonstruktionen, in: Klaus Kastberger/Kurt Neumann (Hg.): Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945. Erste Lieferung. Wien: Zsolnay 2007, S. 12; vgl. auch Ivanovic und Shindo, die diesbezüglich von einem «Grundstein zur deutschsprachigen Nachkriegsliteratur» sprechen (Christine Ivanovic/Sugi Shindo: Geschichte und Medien bei Ilse Aichinger. In: dies. (Hg.): Absprung zur Weiterbesinnung. Geschichte und Medien bei Ilse Aichinger. Tübingen: Stauffenburg-Verlag 2011, S. 7).

[72] Ilse Aichinger: Das vierte Tor [1945]. In: Ilse Aichinger: Die größere Hoffnung. Roman. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 72000, S. 272-275.

[73] Ihr Förderer dort war der österreichische Schriftsteller und Theaterkritiker Hans Weigel (vgl. Wolfgang Straub: Ilse Aichinger innerhalb/außerhalb der Wiener Netzwerke um 1950. In: Christine Frank/Sugi Shindo (Hg.): Konstellationen österreichischer Literatur: Ilse Aichinger. Wien: Böhlau 2024, S. 146-158).

[74] Ebd., S. 154. Sie gehörte zu den treuesten Gruppenmitgliedern und nahm von 1951 bis 1962 «regelmäßig an den Tagungen der Gruppe 47 teil» (Richter 2012, S. 281). Dann war sie noch bei Gruppentagungen 1977 in Saulgau und 1990 in Prag.

[75] «Diese literarische Agentur [= Gruppe 47; Anm. T.P.] beruft sich zu Unrecht auf ihre Autorität in Sachen deutsche Vergangenheit» (Briegleb 2003, S. 320f.).

[76] Vivian Liska schreibt, dass «einige Texte Aichingers, die bislang als undurchdringlich und dunkel bezeichnet wurden, als eindringliche Anklage des literarischen Nicht-Erinnerns an die nationalsozialistischen Verbrechen verstanden werden [können]» (Liska 2011, S. 232). Damit hat sie vollkommen recht; allerdings bleibt das Faktum bestehen, dass diese Texte Aichingers eben nicht nur als ‘undurchdringlich’ und ‘dunkel’ bezeichnet wurden, sondern es in der Tat sind.

[77] Vgl. ihr Gedicht «Für H. W«., in dem ein gelassener, ratgebender und sehr souveräner – vielleicht ein bisschen zu souveräner – Mann beschrieben wird (Ilse Aichinger: Für H. W. In: Hans A. Neunzig (Hg.): Hans Werner Richter und die Gruppe 47. München: Nymphenburger 1979, S. 179).

[78] «Die Komik war ja überhaupt das Beste an der Gruppe 47 und hat mich bewogen, immer wieder hinzufahren» (Aichinger, in: Esser 22003, S. 51).

[79] Ilse Aichinger: Als mich Hans Werner Richter zum ersten Mal einlud [1988]. In: Ilse Aichinger: Aufruf zum Mißtrauen. Verstreute Publikationen 1946-2005. Hg. v. Andreas Dittrich, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2012, S. 161. Aichinger konstatierte hier auch, dass die Gruppe 47 historisch «notwendig» gewesen sei, um «das Vertrauen in eine Sprache wiederherzustellen, das durch vieles Vorhergegangene so schwer erschüttert worden war» (ebd.). Vergleicht man dies allerdings mit Aichingers eigener Position, die von einem grundsätzlichen Misstrauen – auch in die Sprache – gekennzeichnet war, lassen sich hier schon fundamentale Unterschiede zwischen ihr und der Gruppe erkennen.

[80] In Interviews Mitte der 1990er Jahre vergleicht sie die Treffen der Gruppe 47 mit einem «Pfadfinderlager» – und da sie «immer zu den Pfadfindern wollte», hat sie sich, wie sie sagt, dort «sehr amüsiert» (Ilse Aichinger: Es muss gar nichts bleiben. Interviews 1952-2005. Hg. u. mit einem Nachwort von Simone Fässler. Wien: Ed. Korrespondenzen 2011, S. 131); vgl. auch ihr Interview mit Günter Kaindlstorfer, wo sie ebenfalls in Hinsicht von den Gruppentreffen von einem ‘Pfadfinderlager’ spricht und davon, dass die Treffen «etwas Unbekümmertes, Freies»» gehabt» hätten; LINK (abgerufen am 2.3.2024).

[81] Aichinger 1998, S. 13 u. S. 25.

[82] Man hat diesen Text – und Aichingers Rede unter dem Galgen (1952) – «metareflexiv» als «poetologisches Ausloten des Spielraums von Literatur im historischen Kontext der Stunde Null» (Stefanie Kreuzer: Fessel, Strick, Schnur. In: Erdle/Pelz 22021, S. 103) interpretiert.