==========================================================================
(Bromberg)
«Täglichkeiten von Frieden»
Marlene Streeruwitz liest Bertha von Suttner
[«Everyday features of Peace». Marlene Streeruwitz reads Bertha von Suttner]
abstract. In 1889, Bertha von Suttner published her novel Die Waffen nieder! (Down with Weapons!), hailed as one of the most important works of anti-war literature. Suttner shows the brutality and senselessness of war and presents profound arguments against violence and militarism. Marlene Streeruwitz’s essay on Bertha von Suttner, published in 2014, is a highly topical reflection on the Nobel Peace Prize-winner’s text, which is largely forgotten today. The article aims to analyze Suttner’s novel and Streeruwitz’s essay comparatively and to work out a universal contribution of women writers to pacifist thinking and peace policy.
1.
1917, mitten im Weltkrieg, hielt Stefan Zweig eine Rede zur Eröffnung des Internationalen Frauenkongresses für Völkerverständigung in Bern mit dem Titel Bertha von Suttner. Er wollte der eigenwilligen Friedensaktivistin und Nobelpreisträgerin gedenken, die «Leidenschaft ihrer prophetischen Angst», die «moralische Schönheit und die überzeitliche Mission dieser Frau»[1] würdigen und sie als unermüdliche heroische Agitatorin der Humanität ehren. Ihr ganzes Leben war dem einen Gedanken gewidmet, dass sich die Schrecken des Krieges niemals wiederholen dürfen. Und diese einsame Mission wurde zu ihren Lebzeiten, auch von Zweig selbst, nicht genug geschätzt. Stattdessen wurde die leidenschaftliche Unruhestifterin und Idealistin mitunter als langweilig, banal oder sentimental beschimpft, als «Gespensterseherin»[2], «Friedens-Bertha»[3] und hysterischer Blaustrumpf abgetan[4], der Naivität und Ignoranz verdächtigt, als «gute Frau mit jener mitleidigen Betonung, durch die man Güte und Dummheit nachbarlich macht»[5], verspottet. Zweig hält sie für eine großartige Kassandra seiner Zeit, deren Rufe auf taube Ohren stießen, die aber «um die fast vernichtende Tragik des Pazifismus» wusste: daß er «nie zeitgemäß erscheint, im Frieden überflüssig, im Krieg wahnwitzig, im Frieden kraftlos und in der Kriegszeit hilflos»[6]. Auch wenn Bertha von Suttners mutige Friedensmission nicht von allen Männern ihrer Zeit anerkannt wurde, so ragen doch Stimmen wie die von Stefan Zweig oder Alfred H. Fried heraus, die ihr visionäres Denkvermögen zu schätzen wussten. Letzterer bezeichnete ihren Namen als ein «Programm» und ein Markenzeichen für eine große Geistesrichtung, da sie es unternommen habe, «sich den mächtigsten Interessen der Welt gegenüberzustellen»[7]. Suttner starb acht Tage vor dem Attentat in Sarajevo und konnte die Schrecken des Weltkrieges, vor dem sie gewarnt und dessen Horrorszenarien sie vorausgesehen hatte, nicht mehr erleben.
Suttners Biographie und ihre pazifistischen Schriften[8] sind bis heute nicht allgemein bekannt, auch wenn die Schriftstellerin und Friedensaktivistin in der Literatur- und Kulturwissenschaft sowie in den feministischen Studien immer wieder Erwähnung findet und ihre Leistungen als Pionierin weiblichen Engagements in friedenspolitischen Großprojekten thematisiert werden[9]. Die in Prag als Gräfin geborene Generalstochter war eine hochgebildete und intellektuelle Frau, die in einem feudal-konservativen und patriarchalischen Umfeld mutig ihre liberalen und fortschrittlichen Ideale und ihren Widerstand gegen die allgegenwärtige militärische Säbelrasselei artikulierte. Sie gründete die Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde, die Deutsche Friedensgesellschaft und die Zeitschrift Die Waffen nieder! (später Friedenswarte), trat auf Friedenskongressen auf, warb um finanzielle Unterstützung, versuchte, prominente Politiker, Diplomaten, Intellektuelle und Künstler für die Friedensidee zu gewinnen, wurde zur führenden Persönlichkeit und internationalen Ikone der entstehenden modernen bürgerlichen Friedensbewegung, schrieb zahlreiche Romane und Abhandlungen[10]. Dass es sich auch im 21. Jahrhundert lohnt, ihre engagierten Texte zu lesen, zeigt die österreichische Gegenwartsautorin und Feministin Marlene Streeruwitz in ihrem Essay Über Bertha von Suttner, der 2014 in der Reihe Autorinnen feiern Autorinnen erschienen ist[11] und eine hochaktuelle Auseinandersetzung mit einem zwar kanonisierten, aber heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Text der Friedensnobelpreisträgerin präsentiert, nämlich dem Roman Die Waffen nieder!. Ich möchte versuchen, Suttners Roman und Streeruwitz’ Essay vergleichend zu interpretieren und aus der synergetischen Lektüre einen universellen Beitrag der Schriftstellerinnen zum pazifistischen Denken und zur Friedenspolitik herauszuarbeiten. Die methodische Grundlage bildet eine Konfiguration von Erkenntnissen der Gewalt-, Friedens- und Genderforschung sowie der philosophischen Ethik der Gewaltfreiheit. Vor dem Hintergrund der Tradition der Beteiligung von Schriftstellerinnen an der Schaffung von Friedenskulturen soll allgemein nach nach der Relevanz und Gültigkeit weiblicher Stimmen in der gegenwärtigen Epoche von Kriegen, Konflikten und Krisen gefragt werden. Tatsächlich nimmt der Roman Die Waffen nieder! viele Themen vorweg, die heute im Zentrum der feministischen Friedensforschung[12] stehen.
2.
Bertha von Suttners Roman Die Waffen nieder! (1889) ist einer der größten literarischen Erfolge des 19. Jahrhunderts[13] und ein wegweisendes Werk der Friedensliteratur. Die Autorin führt einem breiten Publikum die Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges aus der Sicht einer Frau vor Augen und plädiert eindringlich gegen Gewalt und Militarismus. Sie appelliert an die Gesellschaft, Krieg und Gewalt zugunsten von Frieden und Menschlichkeit abzulehnen und setzt sich für eine Humanisierung der Kultur und eine organisierte Friedensbewegung ein. Der als politischer Tendenzroman rezipierte Text[14] ist die fiktive Lebensgeschichte der Gräfin Martha Althaus (literarisches Alter Ego der Autorin), einer gebildeten, intelligenten, selbstbewussten und willensstarken Frau mit hohem Identifikationspotential. Der Roman kann als eine komplexe Analyse des kulturellen Kontextes gelesen werden, in dem er entstanden ist. Er ist ein Angriff auf die militarisierten Gesellschaften, die junge Männer zu kampfmutigen Soldaten ausbilden und in den Tod schicken, unterstützt von der Erziehung, den Medien und sogar den Kirchen, auf die nach dem Kriegsgrundsatz handelnde Politik und auf die Industrie, die destruktive Waffen produziert – nicht um die Zivilisation zu entwickeln, sondern um sie zu zerstören. Der Krieg wird als Naturgesetz oder legitimes Mittel zur Konfliktlösung gesellschaftlich akzeptiert, als Möglichkeit erhabener Pflichterfüllung gepriesen, als Männlichkeitsschule und Charakterschmiede verherrlicht. Der Tod auf dem Feld der Ehre erscheint nicht nur als patriotische Notwendigkeit, sondern auch als eine Art Auszeichnung. Die Rolle der Frau ist die der spartanischen, notfalls demonstrativ leidenden Mutter gefallener Söhne oder die der patriotischen Ehefrau bzw. Witwe tapferer Kämpfer, worauf sie durch die traditionelle Mädchenerziehung bestens vorbereitet ist. So wird der Krieg «nicht mehr vom Standpunkte der Menschlichkeit betrachtet», sondern «erhält eine ganz besondere, mystisch-historisch-politische Weihe»[15].
Martha blickt auf ihr von den Kriegen der Zeit 1859-71 geprägtes Leben zurück und schildert ihren Weg von einem kriegsbegeisterten Mädchen, das in einer konservativen, patriarchalischen, militaristisch geprägten Adelsfamilie aufwächst und kriegerisches Heldentum bewundert, über die Rolle einer jungen, glücklichen Ehefrau, die stolz auf ihren Mann – einen «schmucken Husarenoffizier» (1: 12) ist, zu einer zweifelnden, kritisch denkenden und sich nach Frieden sehnenden «Soldatenfrau» im sardinischen Krieg, die dennoch an Ruhm und Ehre festhält und der herrschenden Heldenatmosphäre nicht widersteht, dann einer verzweifelten Kriegswitwe, die sich umfassendes Wissen über Politik, Kriegsgeschichte und Völkerrecht aneignet, der Ehefrau und geistigen Partnerin eines kriegskritischen Offiziers, an dessen Seite sie sich für den Frieden engagiert, bis hin zur erneuten Kriegswitwe im deutsch-französischen Krieg und zur leidenschaftlichen Pazifistin, für die der Krieg eine von Menschen gemachte Barbarei ist: «Es fing bei mir an, eine fixe Idee zu werden: Die Kriege müssen aufhören»[16].
Suttner analysiert die Kriegs- und Gewaltkulturen, wie sie das politisch-öffentlichen Leben und den Alltag in Europa durchdringen, und kritisiert die militärischen und patriarchalen Strukturen ihrer Zeit, was heute in Bezug auf die Geschichte und Gegenwart ein zentrales Thema der Friedensforschung ist. Der Roman inszeniert den Antagonismus zwischen Kriegsbefürworter*innen (realistisch, meistens Männer) und Kriegsgegner*innen (idealistisch, meistens Frauen), wobei die Trennlinie zwischen den zwei Weltanschauungen nicht unbedingt entlang der Geschlechterdifferenz verläuft. Martha lehnt hegemoniale Kriegskonzepte ab und kommt zu der sehr modernen Erkenntnis, dass Krieg weder Naturereignis noch Schicksal oder Strafe Gottes ist, sondern eine politisch und mental sorgfältig vorbereitete Strategie zur Vernichtung eines zuvor diskursiv konstruierten Feindes. Im Kontext der erlebten Kriege[17] wiederholen sich alle Mechanismen der Rüstungslogik, der medialen Kriegshetze und der Feindbildung. «Es wird geschürt, gehetzt, geprahlt, verleumdet» (1: 298). Mit leeren Phrasen wird ein falsches Weltbild erzeugt und Martha erkennt, dass ihr Leben und das ihrer Familie «von den Unvorsichtigkeiten, Grausamkeiten, Wildheiten und Dummheiten unserer eigenen Mitmenschen» (1: 192) abhängt.
Marthas wichtigster Antagonist und Repräsentant des Militarismus ist ihr Vater, der den Krieg als ein menschenveredelndes männliches Arrangement verherrlicht und den Frieden als Inbegriff von Verweichlichung und Fäulnis ablehnt. Frauen sind aus seiner Sicht feiges «Weibervolk», dem er die Fähigkeit abspricht, die Lage richtig einzuschätzen, politisch zu denken, die «Wohlfahrt und den Ruhm des Landes» (1: 43) höher zu schätzen als die «persönliche Ruhe». Für Martha hingegen wird nach dem Tod ihres geliebten Mannes im italienischen Krieg das Schicksal des Einzelnen – sein Leiden und Sterben («die Lebensgefahr unserer Lieben» (1: 180)) – zu einem zentralen Problem, was zur Folge hat, dass nicht nur das vergossene Soldatenblut, die Ehre der Nation, Ruhm und Stolz, sondern auch «die vergossenen Tränen der beraubten Soldatenmütter, Frauen und Bräute» (1: 56) heilig sind. Obwohl sie ihren kleinen Sohn antimilitaristisch und pazifistisch erziehen will, schenkt der Großvater ihm Bleisoldaten und ein Schwert, um ihm militärische Neigungen einzuflößen, und wünscht ihm den schönsten und ehrenvollsten Beruf, der auch die Familientradition fortsetzt. Später stellt sich heraus, dass der Junge alle Hassparolen der Propaganda («falscher Italiener», «frecher Däne» usw.) kennt und gegen Kriegsgegner als Nationen oder Menschen einsetzt.
In einer kurzen Friedensperiode findet die junge Witwe Halt in der Welt des Geistes und der Wissenschaft und führt einen Salon, in dem sie versucht, mit Männern gleichberechtigt zu diskutieren. Sie muss jedoch feststellen, dass die Frauen dazu verdammt sind, sich höchstens über die Toiletten zu unterhalten, die sie für den nächsten Ball vorbereiten. In ihrem zweiten Mann, Baron Tilling, findet sie einen intellektuellen Partner und Gesinnungsgenossen, der unter den Offizieren eine Ausnahmeerscheinung ist, weil er – unsoldatisch, aber menschlich – die Gewalt des Krieges verabscheut. Tilling hält den Krieg für entfesselte Bestialität und Massenmord, spricht von «Schmerz und Ekel» und bekennt: «Ich leide dabei, leide intensiv (…)» (1: 107). In Konfrontationen mit verschiedenen Männern, auch mit Marthas Vater, beruft er sich auf seine Erfahrung der «Wirklichkeit des Gemetzels» (1: 143) und verteidigt den Frieden. Mehr noch, er entblößt das Tabu der militarisierten Kultur, nämlich das den Soldaten auferlegte emotionale Regime: Sie dürfen weder Angst noch Mitleid zeigen und müssen im Krieg alle ethischen Gesetze verleugnen, um dann das Grauen des Schlachtfeldes zu verschweigen oder in heroische Anekdoten zu verwandeln. Zum Leidwesen seiner Frau muss er wieder «an die Mordarbeit» gehen (1: 211) – und dies nur wegen der bloßen Besitzgier und des Ehrgeizes fremder Fürsten. In seinen Briefen schildert er Trümmerlandschaften, Tote und Verwundete, maßloses Leid, Klagen und Flüche, das Quälen und Misshandeln von Pferden, aber auch verlogene Phrasen, den Schlachteneifer seiner Kameraden, die bestialische Mordlust und den perversen Glauben an die dem Krieg innewohnende Schönheit oder mythische Offenbarung. ‘Krieg dem Kriege!’ lautet seine Forderung, die er den «Mordpflichten» (1: 245) und der Ästhetisierung des Schlachtfeldes entgegensetzt, und die ihn auch dazu veranlasst, später den Dienst zu quittieren und sich in der Friedensbewegung zu engagieren: gegen Gewalt, gegen die allgemeine Wehrpflicht, für Friedenspolitik und gegenseitige Achtung von Staaten und Menschen. Die Figur des kritisch denkenden, mitfühlenden und pazifistischen Offiziers steht in krassem Gegensatz zur Geschlechterordnung des 19. Jahrhunderts, in der die Verbindung von Männlichkeit und Krieg selbstverständlich war und beiden Geschlechtern unterschiedliches Gewaltverhalten zugeschrieben wurde. Suttner kritisiert auf sehr moderne Weise die Gegenüberstellung von Politik als ‘männlich’ und ‘rational’ einerseits und Privatheit als ‘weiblich’ und ‘emotional’ andererseits und fordert eine politisch-ethische Sensibilität, die es erlaubt, auch Gefühle wie Schmerz und Leid als geschlechtsneutral in das Politische einzuschreiben[18].
Nicht nur ihr Mann, sondern auch Martha fällt als Trägerin der Friedensidee aus dem Rahmen der Geschlechterordnung, in der Frauen als von Natur aus friedliebend galten und mit Pazifistinnen gleichgesetzt wurden. Die Vorstellung einer leidenden, systemtragenden Weiblichkeit, die passives Opfer ist oder die kämpfenden Männer pflegt, tröstet und mit «Segenswünschen und zuversichtlichen Siegesverheißungen und Mutanspornungen» (2: 20-21) unterstützt, lehnt sie entschieden ab. Stattdessen nimmt sie wirklich Anteil am militärischen und diplomatischen Geschehen, ist in historischen und aktuellen politischen Zusammenhängen hervorragend orientiert, verfügt über analytische Fähigkeiten und kann überzeugend argumentieren. Als sie die einflussreichen Männer mit der folgenden simplen Frage überrascht: «warum schließen denn nicht die sämtlichen gesitteten Mächte Europas einen Bund?» (1: 256), werden sie sprachlos: «Die Herren zuckten die Achseln, lächelten überlegen und gaben mir keine Antwort. Ich hatte offenbar wieder eine jener Dummheiten ausgesprochen, wie sie ‘die Damen’ zu sagen pflegen, wenn sie sich in das ihnen unzugängliche Gebiet der höheren Politik wagen» (1: 256). Marthas Plädoyer für den Frieden stützt sich auf ihr Wissen, ihre intellektuelle Diagnose der Kriegskultur, ihre Beobachtungen, aber auch in gewisser Weise auf ihre Kriegserfahrung. Denn nach der Schlacht von Königgrätz mit 40000 Toten und Verwundeten reist sie auf der Suche nach ihrem Mann auf den Kriegsschauplatz und beschreibt die Bilder der Barbarei, die sie dort gesehen hat: Soldaten wie Schlachtvieh, grausame Verstümmelungen, Sterbende, die um Hilfe flehen, zerbombte Lazarette, Tausende von Verwundeten, grassierende Schlachthyänen. Sie ist den Bildern, die auch für die Leser*innen des Romans schmerzhaft sein sollen, nicht gewachsen, wird von Schmerz und Ekel überwältigt, steht hilflos vor der «krabbelnde(n), wimmernde(n) Masse halbverfaulter Menschenreste» (2: 93), fällt in Ohnmacht und wird nach Wien zurückgeschickt. Wer das alles gesehen hat, kann nicht anders, als fortan sein «ganzes Wirken in Wort und Schrift, in Denken, Lehren und Handeln dem einen Ziele (zu) widmen: die Waffen nieder!» (2: 92). Krieg ist kein Verhängnis, sondern ein Verbrechen, eine Barbarei, die auf Ignoranz, Gewissenlosigkeit und Verachtung des menschlichen Lebens beruht und durch den Zusammenschluss aller «Vernünftigen, Guten, Gerechten» (1: 181-182), durch Aufklärung und Humanisierung der Gesellschaft verhindert werden kann. Das Wegschauen von den Gräueln des Krieges, das Nicht-Nachdenken-Wollen, die Ästhetisierung des Kampfes und seine Stilisierung zum «Erwecker der schönsten menschlichen Tugenden» (2: 110), verlogene Erinnerungskulturen, die Glorifizierung von Kriegshelden – all das lässt vergessen, dass Menschen verletzliche Wesen sind: immer abhängig von anderen und angewiesen auf eine lebenswerte Umwelt. Kriegskulturen gehen über Kriegszeiten hinaus und umfassen auch Vor- und Nachkriegszeiten, in denen Feindbildung, Gewalt, Hass oder Trauer, Epidemien, Hunger, Revanchegedanken und Rachephantasien vorherrschen. Der nächste Krieg ist immer in Sicht und in diesem Kontinuum von Gewalt erscheint die Friedensidee wie eine «Utopie», ein «kindischer Traum» (2: 222), der nur mitleidiges Lächeln verursacht.
Suttners Roman kulminiert im deutsch-französischen Krieg, in dem zwei glänzende Kulturnationen, die hohe Zivilisation und erlesene Kunst hervorgebracht haben, aufeinanderprallen, um sich mit entmenschlichenden Hassparolen zu bekämpfen und dann mit Schüssen und Bomben zu vernichten, nach dem Motto: «Wir sind wir – das heißt die ersten, die anderen sind Barbaren» (1: 270). Marthas Mann wird als Preuße der Spionage verdächtigt und hingerichtet. Im auf das Jahr 1889 datierten Epilog ist davon die Rede, dass die Menschen von Frieden träumen, dass es viele Friedensorganisationen gibt, dass Völkerfrieden zum Programm vieler Parteien gehört. Doch Martha ist skeptisch und polemisiert mit dem kursierenden Begriff des bewaffneten Friedens: «Der bewaffnete Friede ist keine Wohltat… und nicht lange soll uns der Krieg verhütet bleiben, sondern immer» (2: 317, Herv. im Original).
Der Roman Die Waffen nieder! – «a mixture of argument and lamentation»[19] – ist eine erstaunlich moderne und fundierte Kritik an den mentalen Strukturen einer militarisierten Gesellschaft, die eine frühe Inspiration für die Verknüpfung von Pazifismus und Feminismus[20] darstellt. Suttner erkannte, dass Gewalt und Krieg eng mit patriarchalen Strukturen verbunden sind, die Männer privilegieren und Frauen unterdrücken. Die Ursachen des Krieges liegen in einer Gesellschaft, die nicht bereit ist, egalitäre Geschlechterverhältnisse anzuerkennen. Frieden und Geschlechtergerechtigkeit gehen Hand in Hand und können durch Bildung und Aufklärungsarbeit erreicht werden, ohne dass der Staat dabei eine übergeordnete Rolle spielt. Suttner glaubte an das Entwicklungspotential der Menschen, an ihre Vernunft, Lernfähigkeit und Eigenverantwortung, schlug aber auch vor, supranationale Institutionen zu schaffen, die die Idee eines friedlichen Europas fördern. Sie war davon überzeugt, dass der Pazifismus eine Massenbewegung werden müsse, in der die Geschlechterdifferenz keine Rolle spiele. Die Rezeption ihres Romans zeigt jedoch, dass sich das von ihr bekämpfte Stereotyp des weiblichen Pazifismus noch mehr verfestigt hat und ein gendersensibler Friedensbegriff noch lange nicht angekommen ist.
Der Roman beleuchtet die spezifischen Erfahrungen von Frauen im Kontext des Krieges, indem er die Protagonistin Martha als Opfer, aber auch als aktive Gegnerin des Krieges darstellt, die sich eigenständig zu Politik und Gesellschaft äußert. Dass Suttner Martha auf das Schlachtfeld schickt und die Schrecken und Leiden detailliert schildert, entspricht nicht der üblichen literarischen Praxis des 19. Jahrhunderts. Die genaue Beschreibung von Wunden und Leichen sollte Affekte gegen den Krieg mobilisieren, doch stand für Suttner – trotz der melodramatischen Sentimentalität ihres Romans, der die Frauen ihrer Zeit ansprechen sollte – außer Zweifel, dass «einem derart wuchtigem und verheerenden Phänomen wie demjenigen des Krieges nicht mit naiv und fromm klingenden Formeln oder mit Empörung allein begegnet werden kann»[21]. Die Erfahrungen von Frauen in Konflikten sichtbar zu machen und anzuerkennen, dass Krieg nicht nur an der Front, sondern auch im Alltag der Zivilbevölkerung, insbesondere von Frauen, stattfindet, gehört zu den wichtigsten Anliegen der neueren feministischen Friedensforschung. Darüber hinaus beschäftigt sich Suttner mit verschiedenen Differenzkategorien wie Geschlecht, Klassenzugehörigkeit oder Alter, die im Kontext des Krieges zusammenwirken. Sie thematisiert die Auswirkungen des Krieges auf verschiedene soziale Gruppen, darunter Frauen und Kinder, was aus heutiger Sicht als eine frühe Form der intersektionalen Analyse betrachtet werden kann. Shelley E. Rose fasst zusammen: «(…) Suttner fights the militaristic traditions of Europe society, as well as the class and gender constructions, which both perpetuated and glorified conceptions of war»[22]. Auch die Idee des «Frieden(s) durch Menschenliebe»[23], d.h. soziale Gerechtigkeit als notwendige Voraussetzung für Frieden, ist ein wichtiger Bestandteil sowohl in Suttners Werk als auch in der feministischen Friedensforschung. Beide betonen, dass wahrer Frieden mehr ist als die Abwesenheit von Krieg – er erfordert die Schaffung gerechter und gleichberechtigter Gesellschaften. Diese friedensethischen Prinzipien können vor allem durch eine Ethik der Gewaltlosigkeit[24], durch Bildung, Erziehung, ständiges Engagement und unermüdliche Aufklärungsarbeit erreicht werden, damit «die Existenzerhaltung jedes Menschen», die «Existenzentfaltung eines Menschen» und der «Rollenpluralismus» für alle gewährleistet sind[25]. Mit ihrem weiten Friedensbegriff formulierte Bertha von Suttner ein Programm zur Entwicklung und Bewahrung einer nachhaltigen Friedenskultur, das nichts an Aktualität verloren hat[26].
3.
Marlene Streeruwitz, die wie Bertha von Suttner zu den wichtigsten literarischen Stimmen ihrer Zeit gehört, liest den Roman der Friedensnobelpreisträgerin aus einer feministisch-kritischen Perspektive, die sowohl die historische Bedeutung des Werkes würdigt als auch die Herausforderungen beleuchtet, die es aus heutiger Sicht mit sich bringt. Die Autorin ist weit davon entfernt, die Nobelpreisträgerin als ‘Heldin’ darzustellen. Vielmehr versucht sie, in ihr eine ambivalente Figur zu sehen und eine kritische Reflexion über das Verhältnis von Individuum und sozialer Struktur, Geschlecht und Frieden, Literatur und Engagement zu formulieren. Dass es sich dabei um eine durchaus politische Lektüre handelt, wird aus dem eingangs formulierten Statement der Autorin deutlich: Sie will nämlich im Bereich der Literatur- und Kulturkritik bleiben, ohne auf Suttners Lebenslauf zurückzugreifen und ihre Leistungen unter dem Diktat der Biographie – etwa als «ein aus Liebe blind wirkendes Frauenleben»[27] oder «Spielerei einer reuigen Komtesse» (31) – darzustellen und zu schmälern. Damit distanziert sich die Interpretin von jenem hegemonialen sexistischen Blick auf die Vergangenheit, der sich auf das Handeln und die Erfolge von Männern konzentriert, Frauen als wirkungsmächtige Subjekte ignoriert und die ungerechte Geschlechterdichotomie des 19. Jahrhunderts fortschreibt[28]. Streeruwitz würdigt die friedenspolitische Intention und die damals revolutionäre pazifistische Botschaft des zum «politischen Flugblatt» (59) gewordenen Romans und konzentriert sich auf verschiedene Aspekte der Genderproblematik bei der Autorin, die als eine der ersten den Zusammenhang von Männerherrschaft, Militarismus und Frauenunterdrückung thematisiert und den Wunsch nach Frieden in das Gesamtarchiv unserer Kultur einführt hat. Allerdings scheint Streeruwitz Suttners aristokratische Herkunft zu problematisieren, die weitgehend ein Verharren in Rahmen bürgerlich-liberalen Denkens und eine mögliche Distanz zu realen sozialen Kämpfen bedeutet[29]. Dass Suttners Roman die Außenwelt im Sinne des Staates[30] oder ökonomischer Zwänge ausspart und nicht radikal systemkritisch wirkt, entgeht der durchaus kritischen Leserin nicht. Streeruwitz’ Essay beleuchtet Suttners Friedensarbeit im strukturellen Spannungsfeld zwischen konservativen Gesellschaftsvorstellungen und männlich dominierter Sozialwelt[31] und Friedensbewegung einerseits und der individuell agierenden progressiven Frau mit starkem moralischem Anspruch andererseits.
Die Konstruktion der Figurenkonstellation des Romans wird zum Ausgangspunkt der Reflexion über die Hauptprotagonistin und ihre Stellung in der Männerwelt der damaligen Kriegskultur. Als Erzählerin wird Martha zum Medium ihrer Umwelt, insbesondere «der öffentlich und privat handelnden Männer» (46), wodurch eine reflexive Distanz zum Erzählten entsteht. Streeruwitz macht auf konkrete literarische Strategien aufmerksam, die dazu beitragen, dass Martha als intellektuell und emotional autonome Figur erscheint. Die Autorin des Essays nennt sie «entwicklungslos entwickelt» (35), weil sie ohne Mutter aufwächst. Diese mutterlose Erziehung sei ein narrativer Emanzipationsschritt, der Martha eine direkte Kommunikation mit dem Vater und anderen Männern ermögliche. Auch die Form der auktorialen Ich-Erzählung spiele eine wichtige Rolle bei der Transformation der «historischen Beschränkung» der Figur in «sprechende Selbstermächtigung» (34). Streeruwitz reflektiert die Entwicklung Marthas zur aktiven Pazifistin, die zur «Vernunft» kommt und versucht, diese Vernunft in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Es geht um Erkenntnisgewinn, Meinungsbildung und das Gemeinwohl. Die Vernunft bedeutet «das Gegenteil einer über Religion und Tradition vermittelten militaristischen Normalität eines grundlegenden Gehorsams» (37) und wird folgerichtig im Akt des Widerstands gegen Familie, Gesellschaft, klassische Mädchenbildung und Religion[32] platziert. Suttner baut diese Aufklärungsstrategie sorgfältig auf, indem Martha beispielsweise nicht den Stürmen großer Leidenschaften ausgesetzt wird, sondern edlen und reinen Gefühlen, «an deren Vorbild Gewaltlosigkeit als Tugend entwickelt werden kann» (36). Die Verbannung der fleischlichen Sünde ist der «Logik der Moral» (41) der Zeit geschuldet und bewirkt, dass die weibliche Figur ein geistiges Leben führen, denken und sprechen kann, um vom zeitgenössischen Lesepublikum nicht gleich als Exempel einer bösen Weiblichkeit verteufelt zu werden. Dass die Sprechberechtigung von Frauenfiguren mit ästhetischen Mitteln hergestellt wird, empfindet Streeruwitz als ein kulturelles Skandalon, das bis in die Gegenwart hineinwirkt und sich nicht zuletzt in der Abwertung der literarischen Produktion von Frauen manifestiert.
Marlene Streeruwitz beschäftigt sich vor allem mit der Rezeption von Suttners Werk und fragt nach dessen Relevanz für die Gegenwart. Sie stellt an den Roman die grundsätzliche Frage: «Warum wirkt er nicht?» (46) Die Essayistin bekennt, dass ihr Suttners Text bei der ersten Lektüre vor vielen Jahren banal vorgekommen sei. Heute – so schreibt sie – «sehe ich, dass es genau diese Banalität ist, die den Blick für den Gegenstand freigibt. Kein heldischer Erfolg, keine aktive Bewältigung, kein missionarischer Einsatz stellen sich zwischen den Leser und die Leserin und den Gegenstand des Romans. Der Roman gibt in erstaunlicher Weise das Lesen frei» (48-49). Zu dieser Rekontekstualisierung der Lektüre kommen weitere Umstände hinzu – wie etwa das neue Massenpublikum, das die bürgerlich-liberale Leserschaft abgelöst hat, in dem «wir aber selbst mitgefangen sind» (49). Eine solche Emotionalität (Streeruwitz nennt es «Rührung»), mit der der Roman arbeitet, um die Leser*innen durch die schonungslos naturalistischen Kriegsbilder zu führen, könne man – so Streeruwitz – heute nicht erzeugen, sie komme uns nur aus der Vergangenheit entgegen und begleite uns, damit wir «unsere Last auf dieses Gefühl abwälzen können» (57). Auch eine solche positive Aussage wäre heute im Bereich der Kunst nicht mehr möglich. Diese Aussage sei allerdings «nicht der primitive Akt einer Salondame», sondern eine «komplex konstruierte Wirkungsästhetik» (57). Mit ihren Argumenten versucht Streeruwitz, die negative Rezeption des Romans gleichsam zu korrigieren, eine unvoreingenommene Lektüre anzustoßen und die pazifistische Botschaft des Textes in die Gegenwart zu retten.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich verändert, aber die Kulturen der Gewalt und des Krieges sind keineswegs verschwunden, sondern integraler Bestandteil der Gegenwart. Suttners Stimme zu Krieg, Frieden und der Rolle von Frauen (und Männern) im Kampf gegen Gewalt und für die Befreiung von den Mythen des Maskulinismus und Militarismus ist daher zweifellos nach wie vor aktuell. Streeruwitz führt ein Beispiel aus dem Bereich der Produktion und Rezeption zeitgenössischer Kunst an, um den aktuellen kulturellen Kontext zu charakterisieren. Es handelt sich um die Aufführung der Operette Der fidele Bauer (1907) von Leo Fall mit einem Libretto von Victor Leon in der Wiener Volksoper, die die Autorin einige Jahre vor der Publikation ihres Essays gesehen hatte. Die Inszenierung spielte mit diversen Klischees und präsentierte «eine unsägliche Ansammlung dümmster Nationalismen und verächtlichster Sexismen» (52) – und die Liebe einer jungen Frau, die alles in Einklang bringen muss. Das Publikum, darunter Prominenz aus Politik und Kultur, schüttelte sich vor Lachen. «Rassismus und Sexismus werden da fröhlich auf subventionierter Bühne produziert und im Lachen dynamisiert» (52).
Dieses diskriminierende, rassistische und sexistische Lachen, dass die der Kultur immer innewohnenden Hierarchien und die in ihnen verborgene Macht widerspiegelt, kann ein Probelauf für Gewalt und Mord sein. Es deckt sich mit den Argumenten der Kriegstreibern in Die Waffen nieder! und wird für Streeruwitz zum Ausgangspunkt ihrer Parteinahme für eine neue Friedenskultur. Der Essay ist ein Plädoyer für ein neues Lachen, einen neuen Alltag, eine neue Sprache, in der ein neues Miteinander gestaltet werden kann. Vor allem muss der in Friedenszeiten hemmungslos geführte ‘Krieg’ gegen die Frauen aufhören. Suttners Werk den ihm gebührenden Platz in unserer Gegenwart einzuräumen, hieße, auch den kleinsten Akt der Herabwürdigung des Anderen zu boykottieren und über die vermeintlich harmlos Lachenden zu lachen: «Das hieße, sich den Lachenden zuzuwenden und sie zu fragen, ob sie sich im Klaren sind, dass sie Kriegsbereitschaft lachen. Das hieße, wieder Blaustrumpf genannt werden. Aber. Warum sollten wir nicht in der Lage sein, nun unsererseits darüber zu lachen und einander beizustehen» (55-56).
Im Hinblick auf die Wirkung des Romans bemerkt Streeruwitz nicht nur kritisch die «Diskriminierung dieses Texts über die Verunglimpfung der Schreiberin als sentimental oder blauäugig» (59), sondern auch affirmativ Suttners vollkommenen Verzicht auf sich selbst als Autorin – es gehe nicht «um ewige Wirkung oder die Aufnahme in einen ohnehin fragwürdigen Kanon der Literatur» (60), es gehe allein um die Friedensbotschaft. Der Anspruch auf Ewigkeit und Kanonisierung würde sich ja auf die Seite der autoritären Gewaltanwendung stellen. Was Streeruwitz an Bertha von Suttner besonders schätzt, ist sowohl der kompromisslos artikulierte naive Wunsch ‘Nie wieder Krieg!’ im Widerspruch zur hegemonialen Kultur als auch die Demonstration eines Modells für neues Denken und Fühlen. Statt einem denkmalartigen Autorschaftskonzept zu huldigen bzw. Friedensprojekte gleichsam abzuschließen, statt sich von Perioden der Stabilität und Sicherheit täuschen zu lassen, gilt es, Frieden ausschließlich als Prozess, zu definieren, der immer weitergehen muss, und jeden Tag an der Aufgabe des Friedens zu arbeiten. Es gilt, sich den «Täglichkeiten des Friedens» zu widmen, die «immer nur für einen Augenblick gelten können» (60).
4.
2022, kurz nach Beginn des Krieges in der Ukraine erschien das Handbuch gegen den Krieg von Merlene Streeruwitz, in das offensichtlich wichtige Impulse aus der Lektüre des Romans Die Waffen nieder! eingeflossen sind, wie z.B.: Krieg ist kein Naturereignis, sondern eine «sorgfältig konstruierte Maschine der Gewalt»[33] oder Krieg ist das «Gegenteil der Zivilisation» (7). In diesem literarisch-essayistischen Kompendium von Antikriegsgedanken und Friedenspostulaten erscheint die Kultur des Krieges als etwas, das in der Gegenwart stets omnipräsent ist, und zwar nicht nur auf der Ebene lokaler bewaffneter Konflikte (die Welt ist «mit Waffen überzogen» (6)), sondern auch im Sinne einer stabilen Institution und strukturellen Gewalt, einer Industrie und eines lukrativen Geschäfts, einer Geschichtsschreibung als Archiv der Gewalt, einer medialen «Unterhaltung durch Schreckenssammlung» (49), die das Publikum zu «Intoleranz und Expatie» (53) erzieht, einer antidemokratischen, populistischen Politik charismatischer Führer, der Verbreitung von Lügen und Pseudoemotionen, auch im Sinne eines sich ausbreitenden Rassismus und im Sinne von Geschlechterkrieg und patriarchaler Hegemonie.
Streeruwitz’ Argumentation gegen den Krieg knüpft an den weiten Friedensbegriff an, den Suttner und die internationale Frauenfriedensbewegung vor dem Ersten Weltkrieg, aber auch die aktuelle feministische Friedensforschung vertreten[34]. Wie diese plädiert die Autorin vehement für einen gendersensiblen Friedensbegriff. Gender wird dabei wie in der feministischen Kriegs- und Friedensforschung verstanden, in der Formulierung von Karen Hagemann: «as knowledge about sexual differences produced by culture and society – a knowledge that is always relative and produced in complex ways in specific historical discursive contexts»[35] und ein Wissen, das auf intersektionalen Verknüpfungen von Geschlecht mit Klasse, Alter, Sexualität und ethnisch-religiöser Zugehörigkeit beruht. Dieses Wissen wird – so Streeruwitz’ Ausführungen – durch ein auktoriales, hierarchisierendes, erfolgsorientiertes Erzählen bzw. Sprechen vermittelt, dem «alles bestimmende Macht» (29) innewohnt und in dem Zahlen und Superlative an die Stelle ethischer Maßstäbe getreten sind. Dieses auktorial-hierarchische und patriarchale Regierungs-, Denk- und Kommunikatiosmodell hat entscheidenden Einfluss auf die Friedensfähigkeit einer Gesellschaft und muss aufgegeben werden. Nur dann können die Gleichberechtigung aller Menschen und ihre juristische Absicherung im Sinne von Grundrechten, einschließlich des Rechts auf Leben, gelingen. «Frieden ist ein anderes Wort für Gerechtigkeit» (79) – diesen Gedanken könnte auch Bertha von Suttner formuliert haben, die in einer stark patriarchisch geprägten Welt agieren musste, deren feministische Perspektive im Vergleich zur Gegenwart erheblich eingeschränkt war bzw. die keine feministische Position im modernen Sinne vertreten konnte. Aus der von Streeruwitz geteilten Perspektive der Friedensforschung wird der ambivalente Friedensbegriff Bertha von Suttners sichtbar, denn tiefgreifende Kriegs- und Friedensanalyse ohne kritische Auseinandersetzung mit patriarchalen, ökonomischen oder kolonialen Gewaltverhältnissen und ihren strukturellen Ursachen bleibt – trotz moralisch-ethischer Argumente – oberflächlich. Streeruwitz distanziert sich von Suttners individualistischem Friedensideal und plädiert für eine systemkritische Friedensethik, die ihr gesamtes literarisches und essayistisches Werk durchzieht, auch wenn sie selten plakativ thematisiert wird. Es sind die alltäglichen Gewaltformen und Gewaltstrukturen, die kleinen Kriege in zwischenmenschlichen Beziehungen, es ist die patriarchale und ökonomische Macht gegenüber Frauen und ihrer (auch körperlichen) Autonomie, die die Autorin in fast allen Romanen analysiert, es ist nicht zuletzt die Sprache selbst, in der ästhetische Friedensakte gegen hegemoniale Diskurse möglich erscheinen[36]. Voraussetzung für Frieden ist eine Kultur, die Gewalt nicht verherrlicht, sondern dekonstruiert.
Sowohl Suttner als auch Streeruwitz wissen vor ihrem jeweiligen historischen Hintergrund, wie schwierig es ist, Frieden in die jeweilige Kultur zu pflanzen, wie schnell Hass entstehen kann und wie mühsam es ist, Respekt, Zusammenarbeit und Toleranz aufzubauen. Streeruwitz konstatiert: «Von Frieden wissen wir nichts. Von Frieden erfahren wir nicht. Frieden lernen wir nicht» (13). Das Mittel der Erziehung und Bildung, auf das Suttner so nachdrücklich gesetzt hat, ist für das Peacebuilding nach wie vor aktuell. Dringend notwendig wäre eine Aufwertung der Frauenarbeit und Liebesarbeit, d.h. der Pflege- und Erziehungsberufe, des Engagements für Kinder[37], aber auch der Fürsorglichkeit, Solidarität, Empathie und Trauer. Der «Kosmos der Pflege»[38] müsste «zumindest gleichwertig mit dem Kosmos des Öffentlichen» (64) etabliert werden. Diese Forderung klingt wie die feministischen Postulate einer Ethik der Fürsorge – nicht im Sinne einer lokalen Praxis, eines subjektiven Gefühls oder einer weiblichen Neigung, sondern im Sinne eines universellen, genderneutralen moralischen und politischen Prinzips[39], das zwischenmenschliche Beziehungen, Offenheit für den Anderen als ein verletzliches Wesen, Dialog und Kontextualisierung in den Mittelpunkt stellt. Tove Pettersen bringt die notwendige Verflechtung von care and peace auf den Punkt: «Cultivating care is fostering peace»[40]. Suttner kann als Pionierin dieser Fokussierung auf konkrete Leidenssituationen und individuelle Bedürfnisse statt auf ein abstraktes politisches oder ideologisches Prinzip gelten, und auch Streeruwitz hat dies stark betont. Shine Choi thematisiert den gegenwärtigen «everyday peace» aus der Perspektive der kritischen feministischen Theorie, und konstatiert, dass wir nicht nur gewinnen, sondern auch verlieren, schaden, den Imperialismus unterstützen, und stellt eine eindringliche rhetorische Frage in Bezug auf unsere Fähigkeit, auf andere einzugehen und die Umwelt zu schützen: «Do we really care?»[41].
In der Argumentation beider Autorinnen spielt die Sprache der Erzählung von Krieg und Frieden eine wichtige Rolle. Hatte Suttner die Sprache der damaligen Kriegspropaganda kritisiert, so weitet Streeruwitz diese Kritik auf den allgemeinen Sprachgebrauch in Friedenszeiten aus und beklagt das Fehlen einer Sprache, in der es möglich wäre, mit Susan Sontag zu sprechen, «das Leiden anderer (zu) betrachten»[42] und auszudrücken: «Es herrscht Zensur gegenüber dem Sprechen von Leid. Leid, Liebe und Trauer sind unsprechbare Motive in unseren Kulturen geblieben». (47) Was nach wie vor zählt, sind Beschreibungen von Gewalt und Heldentum bzw. die in den Medien und im öffentlichen Raum dominierenden Versuche, «unsere Verletzbarkeit auszumerzen und uns als unverwundbar, ja undurchdringlich vorzustellen»[43]. Insgesamt handelt es sich um kriegsfördernde Strategien, in denen ein «entsetzlicher Maskulinismus»[44] immer wieder eine zentrale Rolle spielt. Und wer auf Gleichberechtigung, Gewaltlosigkeit und einer Sprache der Friedlichkeit insistiert, wird als Beispiel eines «rührselige(n) Gutmenschentum(s)» (47) der Lächerlichkeit preisgegeben. Wie zu Zeiten Bertha von Suttners, die als ‘gute Frau’ abgetan wurde, wobei diese Güte in unmittelbarer Nachbarschaft zur Dummheit stand.
Bertha von Suttner und Marlene Streeruwitz sind prominente Stimmen für den Frieden, die sich in den historischen und aktuellen weiblichen Friedenschor[45] einreihen mit Rosa Luxemburg, Marguerite Duras, Hannah Arendt, Virginia Woolf, Christa Wolf oder den Literaturnobelpreisträgerinnen Nelly Sachs, Nadine Gordimer, Doris Lessing, Toni Morrison, Elfriede Jelinek, Herta Müller, Swetlana Alexijewitsch – Intellektuelle und Künstlerinnen, die aus der den Frauen zugeschriebenen Friedfertigkeit und Sanftmut ausbrechen, ihr geistiges Potential entfalten, Widerstand leisten, die Vernunft der Friedensarbeit[46] und die Ethik der Verantwortung einfordern und auf weiblichem Empowerment[47] bestehen. Angesichts der erstaunlichen Konstanz der Geschlechterbilder von domestizierter Weiblichkeit und aktiv-kämpfender Männlichkeit[48], aber auch von Nationalismus, Chauvinismus, Rassismus und Gewalt, formulieren sie ihre Diagnosen und Vorstellungen von (weiblicher) Partizipation an der Gegenwart, bringen ihr «ethisches Begehren»[49] nach menschen- und frauenrechtsbasierter Sicherheitspolitik zum Ausdruck und betreiben politisch-ethische Sensibilisierung, wohl wissend, dass politische und ethische Gesetze immer in einer bestimmten Konstellation sozialer, kultureller und ökonomischer Faktoren entstehen. Beide Autorinnen formulieren eine «Friedensethik der Zukunft»[50], die sich im Kleinen, in den «Alltäglichkeiten des Lebens»[51] manifestiert, und vertrauen auf die Kraft der Gewaltlosigkeit, die Judith Butler wie folgt definiert: «Nonviolence is perhaps best described as a practice of resistance that becomes possible, if not mandatory, precisely at the moment when doing violence seems most justified and obvious. In this way, it can be understood as a practice that not only stops a violent act, or a violent process, but requires a form of sustained action, sometimes aggressively pursued»[52]. Insofern sind beide warnenden Stimmen in ihren kulturellen Kontexten durchaus berechtigt und schaffen als Gesamtlektüre einen kooperativen Mehrwert im Sinne der Transferleistung in die Gegenwart, der Wirkungsverstärkung, der Aktualisierung und des Imperativs, endlich aus der Geschichte zu lernen. Denn Bertha von Suttners Forderung, die Waffen niederzulegen, ist heute aktueller denn je.
Literatur
Bargetz, Brigitte: Sensibilität und Sentimentalität. Überlegungen zu einer politischen Grammatik der Gefühle. In: Burkhard Liebsch (Hrsg.): Sensibilität der Gegenwart. Wahrnehmung, Ethik und politische Sensibilisierung im Kontext westlicher Gewaltgeschichte. Hamburg 2018, S. 360-376.
Braker, Regina: Weapons of Women Writers. Bertha von Suttner’s Die Waffen nieder! as Political Literature in the Tradition of Harriet Beecher Stowe’s Uncle Tom’s Cabin. New York 1995.
Buffton Deborah D.: Bertha von Suttner: The making of a peace activist. In: Charles Ch. Howlett u.a. (Hrsg.): The Oxford Handbook of Peace History. New York 2022, S. 474-494.
Burns, Barbara: Waging war on war. Bertha von Suttner as writer and campagner. In: Andreas Kramer/ Ritchie Robertson (Hrsg.): Pacifist and Anti-Militarist Writing in German, 1888-1928. From Bertha von Suttner to Erich Maria Remarque. München 2018, S. 44-56.
Butler, Judith: Krieg und Affekt. Hrsg. und übers. von Judith Mohrmann, Juliane Rebentisch, Eva von Redecker. Zürich/Berlin 2009.
Butler, Judith: The Force of Nonviolence. An Ethico-Political Bind. London/ New York 2020 (https://iberian-connections.yale.edu/wp-content/uploads/2020/09/The-Force-of-Nonviolence-An-Ethico-Political-Bind-by-Judith-Butler.pdf)).
Carroll, Berenice A.: Feminism and pacifism: historical and theoretical connections. In: Ruth Roach Pierson (Hrsg.): Women and Peace. Theoretical, Historical and Practical Perspectives. London/ New York 1987, S. 2-28.
Choi, Shine: Everyday peace in critical feminist theory. In: Tarja Väyrynen/ Swati Parashar/ Élise Féron, Catia Cecilia Confortini (Hrsg.): Routledge Handbook of Feminist Peace Research. London 2021, S. 60-69.
Danzer, Gerhard: Europa, deine Frauen. Beiträge zu einer weiblichen Kulturgeschichte. Berlin/ Heidelberg 2015, S. 246-247.
Dietze, Gabriele: Ethisches Begehren. Ein Versuch. In: Hannah Fritsch/ Inka Greusing/ Ina Kerner/ Hanna Meißner/ Aline Oloff (Hrsg.): Der Welt eine neue Wirklichkeit geben. Feministische und queertheoretische Interventionen. Bielefeld 2022, S. 55-66.
Fried, Alfred H.: Persönlichkeiten: Bertha von Suttner. Berlin o. J.
Gioseffi, Daniela (Hrsg.): Frauen über den Krieg. Eine Sammlung bedeutender Stimmen gegen den Krieg. Wien 1992.
Hagemann, Karen: Introduction: Gender and the history of war – The development of the research. In: Karen Hagemann (Hrsg.): The Oxford Handbook of Gender, War and the Western World since 1600. New York 2022, S. 1-34.
Halbmayr, Alois/ Josef P. Mautner (Hrsg.): Friedensethik der Zukunft. Zugänge, Perspektiven und aktuelle Herausforderungen. Bielefeld 2024.
Halbmayr, Alois: «Es muss also gestiftet werden…». Frieden als ein denkerisches Projekt und eine praktische Aufgabe. In: Halbmayr, Alois/ Josef P. Mautner (Hrsg.): Friedensethik der Zukunft. Zugänge, Perspektiven und aktuelle Herausforderungen. Bielefeld 2024, S. 37-64.
Harders, Cilja / Sarah Clasen: Frieden und Gender. In: Hans J. Gießmann/ Bernhard Rinke (Hrsg.): Handbuch Frieden. Wiesbaden 2019, S. 363-376.
Hedinger, Sandra: Frauen über Krieg und Frieden. Bertha von Suttner, Rosa Luxemburg, Hannah Arendt, Betty Reardon, Judith Ann Tickner, Jean Bethke Elshtain. Frankfurt a.M./ New York 2000.
Holmes, Robert R.: Pacifism. A Philosophy of Nonviolence. London 2017.
Pettersen, Tove: Feminist care ethics. Contributions to peace theory. In: Tarja Väyrynen/ Swati Parashar/ Élise Féron, Catia Cecilia Confortini (Hrsg.): Routledge Handbook of Feminist Peace Research. London 2021, S. 21-39.
Rose, Shelley E.: Bertha von Suttner’s Die Waffen nieder! and the gender of German pacifism. In: Katharina von Hammerstein/ Barbara Kosta/ Julie Shoults (Hrsg.): Women Writing War. From German Colonialism through World War I. Berlin/ Boston 2018, S. 143-161.
Smith, Sarah / Keina Yoshida (Hrsg.): Feminist Conversations on Peace. Bristol 2022.
Sontag, Susan: Das Leiden anderer betrachten. Übers. von Reinhard Kaiser. München 2008.
Streeruwitz, Marlene: Handbuch gegen den Krieg. Frankfurt a.M. 2024.
Streeruwitz, Marlene: Über Bertha von Suttner. Wien/ Berlin 2014.
Suttner, Bertha von: Die Waffen nieder! Eine Lebensgeschichte. Bd. 1, Dresden und Leipzig 1892.
Suttner, Bertha von: Die Waffen nieder! Eine Lebensgeschichte. Bd. 2, Dresden und Leipzig 1892.
Suttner, Bertha von: Memoiren. Stuttgart und Leipzig 1909.
Tickner, J. Ann: Peace and security from a feminist perspective. In: Sara E. Davies/ Jacqui True (Hrsg.): The Oxford Handbook of Women, Peace, and Security. Oxford 2018, S. 15-25.
Wibben, Annik T.: Genealogies of feminist peace research. Themes, thinkers, and turns. In: Tarja Väyrynen u.a. (Hrsg.): Routledge Handbook of Feminist Peace Research. London/ New York 2021, S. 17-27.
Zweig, Stefan: Bertha von Suttner. In: Stefan Zweig: Die schlaflose Welt. Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 1909-1941. Frankfurt a.M. 1983, S. 112-121.
[1] Stefan Zweig: Bertha von Suttner. In: Stefan Zweig: Die schlaflose Welt. Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 1909-1941. Frankfurt a.M. 1983, S. 112-121, hier: S. 113.
[2] Ebenda, S. 115.
[3] Ebenda, S. 116.
[4] B. von Suttner selbst erwähnt in ihren Memoiren anonyme Spott- und Schmähbriefe und herunterreißende Rezensionen ihres wichtigsten Romans, der als «rührselige Albernheit», «verfehltes Machwerk» oder «unkünstlerische Tendenzmacherei» bezeichnet wurde (Bertha von Suttner: Memoiren. Stuttgart und Leipzig 1909, S. 183).
[5] Zweig: Bertha von Suttner, S. 116.
[6] Ebenda, S. 120.
[7] Alfred H. Fried: Persönlichkeiten: Bertha von Suttner. Berlin o. J., S. 5.
[8] Vgl. dazu: Barbara Burns: Waging war on war. Bertha von Suttner as writer and campagner. In: Andreas Kramer/ Ritchie Robertson (Hrsg.): Pacifist and Anti-Militarist Writing in German, 1888-1928. From Bertha von Suttner to Erich Maria Remarque. München 2018, S. 44-56.
[9] Vgl. repräsentativ: Deborah D. Buffton: Bertha von Suttner: The making of a peace activist. In: Charles Ch. Howlett u. a. (Hrsg.): The Oxford Handbook of Peace History. New York 2022, S. 474-494.
[10] Suttner ist ein Beispiel für den mühsamen Einstieg von Frauen in das literarische Feld (sie publizierte u.a. unter einem geschlechtslosen Pseudonym) vor dem Hintergrund der Abwertung weiblicher Literaturproduktion.
[11] Streeruwitz hat am 17. Juni 2014 im Stadtsenatssitzungssaal des Wiener Rathauses ihre Festrede über Bertha von Suttner gehalten.
[12] Vgl. Berenice A. Carroll: Feminism and pacifism: historical and theoretical connections. In: Ruth Roach Pierson (Hrsg.): Women and Peace. Theoretical, Historical and Practical Perspectives. London/ New York 1987, S. 2-28; Sarah Smith/ Keina Yoshida (Hrsg.): Feminist Conversations on Peace. Bristol 2022; Karen Hagemann: Introduction: Gender and the history of war – The development of the research. In: Karen Hagemann (Hrsg.): The Oxford Handbook of Gender, War and the Western World since 1600. New York 2022, S. 1-34.
[13] Bis 1914 wurde das Buch in 16 Sprachen übersetzt und über eine Million Mal verkauft (ebenda, S. 483).
[14] Der didaktische Charakter des Romans wird in der Forschung immer wieder betont. So bezeichnet ihn Regina Braker direkt als «didactic fiction» (Regina Braker: Weapons of Women Writers. Bertha von Suttner’s Die Waffen nieder! as Political Literature in the Tradition of Harriet Beecher Stowe’s Uncle Tom’s Cabin. New York 1995, S. 6).
[15] Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! Eine Lebensgeschichte. Bd. 1, Dresden und Leipzig 1892, S. 6-7 (im Folgenden mit 1 und Seitenangebe zitiert).
[16] Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! Eine Lebensgeschichte. Bd. 2, Dresden und Leipzig 1892, S. 118 (im Folgenden mit 2 und Seitenangabe zitiert).
[17] Es handelt sich um den Italienkrieg (1859), den Deutsch-Dänischen Krieg (1864), den Deutschen Krieg zwischen Preußen und Österreich und den Deutsch-Französischen Krieg (1870-71).
[18] Vgl. Brigitte Bargetz: Sensibilität und Sentimentalität. Überlegungen zu einer politischen Grammatik der Gefühle. In: Burkhard Liebsch (Hrsg.): Sensibilität der Gegenwart. Wahrnehmung, Ethik und politische Sensibilisierung im Kontext westlicher Gewaltgeschichte. Hamburg 2018, S. 360-376.
[19] Braker: Weapons of Women Writers, S. 79.
[20] Vgl. dazu beispielsweise: Cilja Harders/ Sarah Clasen: Frieden und Gender. In: Hans J. Gießmann/ Bernhard Rinke (Hrsg.): Handbuch Frieden. Wiesbaden 2019, S. 363-376.
[21] Gerhard Danzer: Europa, deine Frauen. Beiträge zu einer weiblichen Kulturgeschichte. Berlin/ Heidelberg 2015, S. 246-247.
[22] Shelley E. Rose: Bertha von Suttner’s Die Waffen nieder! and the gender of German pacifism. In: Katharina von Hammerstein/ Barbara Kosta/ Julie Shoults (Hrsg.): Women Writing War. From German Colonialism through World War I. Berlin/ Boston 2018, S. 143-161, hier: S. 151
[23] Sandra Hedinger: Frauen über Krieg und Frieden. Bertha von Suttner, Rosa Luxemburg, Hannah Arendt, Betty Reardon, Judith Ann Tickner, Jean Bethke Elshtain. Frankfurt a.M./ New York 2000, S. 58.
[24] Vgl. Judith Butler: The Force of Nonviolence. An Ethico-Political Bind. London/ New York 2020 (LINK) und Robert R. Holmes: Pacifism. A Philosophy of Nonviolence. London 2017.
[25] Harders/ Clasen: Frieden und Gender, S. 372.
[26] Vgl. J. Ann Tickner: Peace and security from a feminist perspective. In: Sara E. Davies/ Jacqui True (Hrsg.): The Oxford Handbook of Women, Peace, and Security. Oxford 2018, S. 15-25, hier: S. 15 (eine breite Definition des Friedens und der Sicherheit).
[27] Marlene Streeruwitz über Bertha von Suttner. Wien/ Berlin 2014, S. 28 (im Folgenden mit Seitenangabe zitiert).
[28] Dies stellt Streeruwitz anhand des Wikipedia-Eintrags zu Bertha von Suttner fest, mit dem sie sich kritisch auseinandersetzt. Dem Wikipedia Text gelingt – so Streeruwitz – all das, «was Bertha von Suttner in ihren Texten kritisiert und überwindet» (25).
[29] Obwohl die «eigentliche Romanbewegung» (40) von Marthas aristokratischer Herkunft wegführt, wird sie am Ende durch Erbschaft reich, was Streeruwitz eine der «traditionellen Sinneinheiten» (46) nennt.
[30] Suttner setzt auf Individuen, die vernünftig werden müssen. Streeruwitz kommentiert: «Der Staat bleibt ungenau und seine Rolle undefiniert» (50). Der Krieg wird als auf ein Individuum bezogen dargestellt – eine «reizend passive schöne und kluge Romanheldin» (51).
[31] Streeruwitz sieht in Die Waffen nieder! einen Roman über die Männer in Marthas Leben (32) und kommentiert Marthas Sozialisation als Entwicklung von Gewaltlosigkeit als Tugend. Sie selbst teilt die Vorstellung weiblicher Friedfertigkeit nicht.
[32] Streeruwitz stellt fest, dass diese Grundsätze nach 170 Jahren auch für ihre Generation galten.
[33] Marlene Streeruwitz: Handbuch gegen den Krieg. Frankfurt a.M. 2024, S. 5 (im Folgenden mit Seitenangabe zitiert).
[34] Es gibt keinen universellen Friedensbegriff, vielmehr ist die Vorstellung von Frieden immer Produkt des historischen Kontextes, was die feministische Friedensforschung immer wieder betont. Vgl. Annik T. Wibben: Genealogies of feminist peace research. Themes, thinkers, and turns. In: Tarja Väyrynen u.a. (Hrsg.): Routledge Handbook of Feminist Peace Research. London/ New York 2021, S. 17-27.
[35] Hagemann: Introduction, S. 15.
[36] Streeruwitz’ Texte scheinen keineswegs eine Friedfertigkeit durch Sprache zu demonstrieren, im Gegenteil: Ihre Sprache wirkt unfriedlich, und das ist eine bewusste Strategie. Denn nicht die ästhetische Harmonie, sondern die Störung homogener Systeme, das Aushalten von Differenzen, die Produktion von Ambiguitäten, das Sprechen, auch wenn das Zuhören schmerzt, kann einen friedensethischen Beitrag leisten.
[37] Mütter, die weder die Macht der Männer erhalten noch die Väter vertreten wollen, fungieren bei Streeruwitz als Hoffnungsträgerinnen. Das mütterliche Ethos könnte in diesem Sinne für den Frieden genutzt werden und nicht im Sinne des passiven Leidens, das im Grunde den Krieg unterstützt.
[38] Dies ist auch ein Postulat von Judith Butler, das sie mehr oder weniger direkt formuliert, wenn sie von «dependency», «vulnerability» und «care» spricht, die stärker berücksichtigt werden sollten (Butler: The Force of Nonviolence).
[39] Tove Pettersen: Feminist care ethics. Contributions to peace theory. In: Väyrynen: Routledge Handbook of Feminist Peace Research, S. 28.
[40] Ebenda, S. 29.
[41] Shine Choi: Everyday peace in critical feminist theory. In: Väyrynen: Routledge Handbook of Feminist Peace Research, S. 68.
[42] Vgl. Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten. Übers. von Reinhard Kaiser. München 2008.
[43] Judith Butler: Krieg und Affekt. Hrsg. und übers. von Judith Mohrmann, Juliane Rebentisch, Eva von Redecker. Zürich/Berlin 2009, S. 72.
[44] Ebenda.
[45] Vgl. Daniela Gioseffi (Hrsg.): Frauen über den Krieg. Eine Sammlung bedeutender Stimmen gegen den Krieg. Wien 1992.
[46] Streeruwitz spricht von der «Vernunft der Friedlichkeit» (55) als einem Prinzip, dem beide Geschlechter bzw. alle Menschen folgen sollten.
[47] Aus feministischer Sicht gilt allerdings Folgendes: «real security or positive peace cannot be achieved without gender justice and the empowerment of women. Empowerment means the empowerment of all individuals, both women and men, in all their various roles as security providers» (Tickner: Peace and Security, S. 22).
[48] Nach den Erkenntnissen der feministischen Friedensforschung tragen diese Zuschreibungen in männlich dominierten Gesellschaften dazu bei, die auf falschen Dichotomien beruhende Geschlechterhierarchie zu verfestigen, wodurch sowohl Frauen als auch der Frieden selbst Schaden nehmen (vgl. Tickner: Peace and Security, S. 20).
[49] Gabriele Dietze: Ethisches Begehren. Ein Versuch. In: Hannah Fritsch/ Inka Greusing/ Ina Kerner/ Hanna Meißner/ Aline Oloff (Hrsg.): Der Welt eine neue Wirklichkeit geben. Feministische und queertheoretische Interventionen. Bielefeld 2022, S. 55-66.
[50] Vgl. Alois Halbmayr, Josef P. Mautner (Hrsg.): Friedensethik der Zukunft. Zugänge, Perspektiven und aktuelle Herausforderungen. Bielefeld 2024.
[51] Alois Halbmayr: «Es muss also gestiftet werden…» Frieden als ein denkerisches Projekt und eine praktische Aufgabe. In: Halbmayr/ Mautner: Friedensethik der Zukunft, S. 37-64, hier: S. 45.
[52] Butler: The Force of Nonviolence.