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ORCID: 0009-0008-5014-122X
Cairo University (ROR: 03q21mh05)
sally.gomaa@gmail.com
DOI: 10.54103/1593-2508/31241
Studia austriaca 34 (2026)
Copyright (c) 2026 The Author CC BY-SA 4.0
‘Der Waldgänger’ (1847). Eine
Antithese
zu einem früheren Naturbegriff Adalbert Stifters?[*]
[‘Der Waldgänger’ (1847). An Antithesis to Adalbert Stifter’s Earlier Concept of Nature?]
abstract. This paper belongs primarily to the interdisciplinary research field of ‘Literature and Theology’. It examines the concept of nature and the allegorical significance of the characters in the narrative Der Waldgänger (The Wanderer in the Forest, 1847) by the Austrian Biedermeier author Adalbert Stifter. In this context it discusses how certain fundamental Christian principles, such as ‘Personal Responsibility’, ‘Absolution’, ‘Human Error’ and ‘Resignation to God’s Will’ are defined and perceived in Catholicism and Protestantism.
keywords: Adalbert Stifter, Nature, The Modern Era, Human Error, Catholicism, Protestantism.
zusammenfassung. Dieser Beitrag ist dem interdisziplinären Forschungsfeld ‘Literatur und Theologie’ zuzuordnen. Untersucht wird der Naturbegriff und die allegorische Bedeutung der Figuren in Adalbert Stifters Erzählung Der Waldgänger (1847). In diesem Zusammenhang wird gezeigt, wie bestimmte christliche Grundprinzipien, wie z. B. ‘Eigenverantwortung’, ‘Absolution’, ‘Irrtum’ und ‘Gottergebenheit’ im Katholizismus und Protestantismus definiert werden.
schlüsselwörter: Adalbert Stifter, Natur, Die Neuzeit, Irrtum, Katholizismus, Protestantismus.
«Es irrt der Mensch, solang᾿ er strebt».[1]
Einleitung
Die Natur taucht häufig als Grundthema und Hauptmotiv in der deutschsprachigen Literatur und Kunst der Neuzeit auf. Ganz im Zeichen des naturwissenschaftlichen Experimentierens und der intensiven Naturforschung stehend, kennzeichnen das 18. und 19. Jahrhundert sich u. a. durch das stetig wachsende Interesse an der Natur. Der seinerzeit entstandene religiöse, philosophische und literarische Diskurs über den Naturbegriff und seine multiplen Auffassungen zeigen eindeutig, wie facettenreich und kontrovers der Begriff ‘Natur’ ist. Während es in der Frühaufklärung vorwiegend darum geht, die religiöse Dimension der Natur und deren Funktion als Mittel zur Erkenntnis Gottes resp. als Ausdruck Seiner Schöpfungskraft und als Widerspiegelung Seiner Herrlichkeit und Allmacht zu thematisieren, wie z. B. in der frommen Naturlyrik Barthold Heinrich Brockes’ (1680-1747), wird ihr u. a. in der Hoch- und Spätaufklärung sowie in der Weimarer Klassik eine gewisse literarische Vorbildfunktion zuteil, und man ist unablässig versucht, Naturgesetze normativ hervorzuheben und auf die Literatur zu übertragen, wofür Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Friedrich Schiller (1759-1805) beispielhaft stehen, die u. a. dadurch eine zeitüberdauernde Literatur anstreben.
Die mit der stattfindenden rapiden und radikalen Industrialisierung im Laufe des 19. Jahrhunderts weiterhin einhergehende Aufwertung der Natur versteht sich primär als Gegenreaktion. Als begehrter Schauplatz und beliebter Handlungsraum vieler theoretischer und literarischer (Ab-)Handlungen wird die Natur in der Romantik ambivalent dargestellt, und zwar einerseits als Rückzugsraum und Sehnsuchtsort, ja als Ort der inneren Ruhe, der Selbstreflexion, der Ein- und Rückkehr in einen paradiesischen Zustand, zugleich aber auch als Ort des Abenteuers oder der Dämonie, der Bedrohlichkeit, des Schauders und des Mysteriösen, ja als Begegnungs- und Konfrontationsort der Figuren mit ihren inneren Abgründen, wie etwa im Werk Novalis’ (1772-1801) oder Ludwig Tiecks (1773-1853).
Nicht zuletzt wird die Natur nach wie vor als Ausdruck kultureller, gesellschaftlicher und politischer Anschauungen funktionalisiert.
Bei diesen heterogenen und komplexen Zugängen werden das Verhältnis zwischen Mensch und Natur sowie der Natur-Kultur-Dualismus immer wieder neu gedacht. In diesem Zusammenhang ist der deutschsprachige Biedermeier-Schriftsteller und Maler Adalbert Stifter (1805-1868) zu nennen, dessen Gesamtwerk von einem tiefen Verständnis der Natur zeugt. Sein unerschöpfliches Interesse an der Natur und seine weitreichende Naturwahrnehmung, die sich als Versuch zur Entmystifizierung sowohl der Natur- als auch der Menschenseele verstehen, finden substanziellen Ausdruck in seinem Œuvre.
Meine im Jahre 2016 an der Universität Kairo verteidigte Dissertation[2] befasst sich mit Adalbert Stifters Naturverständnis anhand beider Fassungen – der Studien- und der Journalfassung – seiner Erzählung Der Hochwald (1841/44) nebst seiner gleichzeitig entstandenen Naturgemälde der frühen 1840-er Jahre. Die Untersuchungsergebnisse haben gezeigt, dass Stifter mit seiner Erzählung Der Hochwald und seinen zeitgleichen Landschaftsgemälden eine erdachte Wechselwirkung zwischen Natur und Mensch, genauer einen anthropozentrischen sowie einen egozentrischen Naturbegriff, kritisiert und richtigstellt, indem er diesen gegenüber einen autonomen Naturbegriff etabliert.
Der Ausgangspunkt des vorliegenden Beitrags über Adalbert Stifters wenige Jahre später entstandene Erzählung Der Waldgänger (1847) sind die Fragestellungen, ob und in welcher Form das Konzept der autonomen universalen Natur in dieser Erzählung zum Tragen kommt, welche Implikationen sich daraus in Hinblick auf die Figurenzeichnung und Handlung ergeben und ob das interdisziplinäre Schaffen Stifters auch in dieser Erzählung wahrgenommen werden kann.
An Der Waldgänger arbeitet Stifter von Herbst 1845 bis Mai 1846[3]. Erschienen ist die Erzählung in Iris. Deutscher Almanach für 1847 (S. 1-112)[4]. Im Zentrum der Handlung steht die Titelfigur namens Georg, die nach einer langen kinderlosen Ehe mit Corona ihrem Scheidungswunsch nachkommt und eine zweite Ehe mit Emilie schließt (vgl. WG, S. 195)[5]. Nach dem Heranwachsen und Fortgehen beider in der zweiten Ehe erzeugten Knaben und dem Hinscheiden ihrer Mutter (vgl. WG, S. 199f.) verweilt Georg ganz allein zunächst in Hohenfurth in Böhmen, dann in einer Kammer beim kinderlosen Sim(m)ibauern[6] und seiner Ehefrau und verbringt fortan seine ihm noch verbleibende Lebenszeit als Waldgänger (vgl. WG, S. 111f.).
Im Folgenden setze ich mich mit der Frage nach den Naturauffassungen beider sich voneinander unterscheidenden Figurenkonstellationen in der Erzählung Der Waldgänger und ihrer damit verbundenen allegorischen Bedeutung auseinander.
1. Naturgesetz als Vorbild für das menschliche Leben?
Im Verlauf der Erzählung erfolgt die Vorstellung der Hauptfigur Georg sukzessiv unter durchgehender Beleuchtung dreier Blickwinkel: seines Studiums, seines Berufs und seiner Freizeitbeschäftigung.
Schon als Student wendet er sich von der Jurisprudenz und Staatslehre ab, weil diese Wissenschaften mit gesellschaftlichen Fragestellungen und menschlichem Anliegen und Verhalten zu tun haben (vgl. WG, S. 151). Zu den Naturwissenschaften, der Mathematik und Baukunst hegt er dahingegen große Zuneigung (vgl. WG, S. 149ff.), da diese Wissenschaften eher mit der Natur zu tun haben, die ihm weder Emotionen noch Interaktionen abverlangt.
[D]a seine Eltern nun todt waren, so erschien es ihm, als sei er der einzige Mensch auf der Welt, und sonst gäbe es keinen. Darum mochte es auch gekommen sein, daß er sich von der Rechtswissenschaft und den Staatslehren abgewandt hatte, welche überall eine Geselligkeit und einen Zusammenstoß von Menschen voraussetzen, die in lebendiger Leidenschaft, in Gunst und Abgunst auf einander wirken, die es für ihn nicht gab. Darum zog sich sein Herz zur Natur [mein Kursiv, S.G.], gleichsam zu Dingen, die schon an und für sich da sind, die ihm nichts wollen (WG, S. 151).
Die Menschen möchte er paradoxerweise dieser prosaischen Naturgesetzlichkeit unterworfen sehen und spricht ihnen die Gefühlsebene entschieden ab, sodass er mit ihnen
gleichsam nur wie mit zufälligen Naturgewalten in Berührung gekommen war, die nach ihren inwohnenden fremden Gesetzen wirken, nicht wie mit lebendigen Wesen, die innerlich sind, wie er, und in Liebe und Haß zugethan und abgeneigt sein können (WG, S. 151).
Nach seinem Studienabschluss übt er den Beruf eines Architekten und eines Haus- und Gartenbaumeisters aus, zunächst bei einer Gräfin, deren Gartenhäuser er getreu der in der Frühen Neuzeit entwickelten französischen Gartenarchitektur umbaut (vgl. WG, S. 163). Der Garten zu dem für sich und seine erste Ehefrau Corona mitten im Wald von ihm erbauten Wohnhaus wird gleichermaßen gemäß der französischen Gartenkunst gestaltet und seinem und Coronas Geschmack wohlweislich angepasst (vgl. WG, u. a. S. 191f.).
Zu einem kleinen Gewächshause wurden die Anlagen gemacht. […] Der Garten […] begann ebenfalls aus seinem Urzustande herauszutreten, hie und da Blumen und Anlagen zu zeigen, wie sie Corona liebte, und wie sie gut standen […], und nach dem ersten Jahre funkelte das vollendete Glashaus in die Lüfte. (WG, S. 177f.)
Im Gegensatz zu dem von Georg kaum beachteten, vordergründig naturbelassenen englischen Landschaftsgarten, wird im Modell des französischen formalen Gartens die Natur erforscht, um deren Gesetze zu enthüllen und ihre Funktionsweise zu verstehen. Dahinterliegendes Ziel ist, die Natur zu beherrschen und dem menschlichen Geschmack und Willen unterwürfig zu machen. In den ihren Höhepunkt zur Zeit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts erreichenden Gartendiskursen, die sich mit der Polarität dieser Gartenmodelle auseinandersetzen und die im Laufe des 19. Jahrhunderts weitergeführt werden, wird der kultivierte französische Garten als «die Natur versklavend bzw. verstümmelnd» betrachtet, während der unberührte englische Landschaftsgarten als «frei» wahrgenommen wird[7]. Verstand und Besinnung treten fernerhin in Verbindung mit dem französischen Garten, während Gefühl und Empfindung vielmehr mit dem englischen Garten eng zusammenhängen.
Während z.B. der Barockgarten vor allem den Verstand ansprechen sollte und durch Gehen, Schauen, Denken zu erschließen war, wandte sich der englische Landschaftsgarten an Gefühle wie Einbildungskraft oder Sittlichkeit, wobei es ihm vor allem auf moralische Wirkungen und transzendente Bezüge ankam.[8]
Sonach steht das französische Gartenkonzept für einen rationalen Zugang zu einer Gartengestaltung, soweit es hier um die Herrschaft über die Natur unter Anwendung ihrer Gesetze geht.
Unverkennbar ist der hier dargestellte zweifache Bezug der Hauptfigur Georg zur Frühen Neuzeit, einesteils durch die von ihm vertretene Neubestimmung von (Garten-)Architektur, andernteils durch den der Architektur als Wissenschaft eingeräumten besonders gewichtigen Stellenwert als Folge der Übersetzung und Wiederbelebung des Hauptwerks des altrömischen Architekten Vitruv (um 84-27 v. Chr.) De architectura libri decem (dt. Zehn Bücher über Architektur).
Gleich im ersten Kapitel der Erzählung erfährt der Leser, dass der Waldgänger Kenner und Sammler von Moosstücken (vgl. WG, S. 116) und Schmetterlingen (vgl. WG, S. 112 u. S. 114) ist, die er zuhause genau untersucht und teilweise malt (vgl. WG, S. 112). Seine reichhaltigen in Schachteln aufbewahrten Schmetterlingssammlungen – die Falter bzw. «Lustinen», wie sie regional bezeichnet werden (vgl. WG, S. 113) – zeigt er den Knaben in der Waldgegend, damit sie dadurch die verschiedenen Arten entdecken (vgl. WG, S. 112f.).
Er hatte viele Brettchen, auf diese spießte er [die Schmetterlinge] mit Nadeln an, und breitete ihnen die Flügel auseinander, welche dann so blieben. Einmal trafen wir ihn auch, wie er einen mahlte. Er hatte ihn vor sich auf einen weißen Bogen Papier gespießt, und auf einem anderen Papiere bildete er ihn mit Farben nach. […] In mehreren Schachteln hatte er sie aufbewahrt, wo sie mit Nadeln in dem Boden staken, und die Schachteln hatte er unter dem Tische und in einem Winkel der Kammer stehen. Wir sahen da zuweilen diese Dinge und erkannten, wie verschieden und seltsam sie sein können. Wenn man ein Kind ist, kennt man zuerst die weißen […]. Dann lernt man die bunten kennen […] – in unserer Gegend heißt man sie goldene – und die man alle für dieselben hält, daher wir keine weitere Eintheilung kannten, als in weiße und goldene. […] Hier sahen wir nun, daß es nicht eine, sondern unzählige verschiedene Arten von goldenen Lustinen gäbe (WG, S. 112f.).
Gleicherweise sammelt er alle möglichen Naturgegenstände (vgl. WG, S. 152). Die Steine werden von ihm bspw. genauestens klassifiziert und beschriftet; eine Vorliebe, die er bereits von Jugend auf pflegt (vgl. WG, u. a. S. 184). Als Corona
einmal mit der Gräfin in sein Zimmer gekommen war, hatte sie seine Steine gesehen: sie glänzten einfach und heiter von der Wand herüber, und auf jedem war ein kleines Zettelchen geklebt, welches den Namen des Minerals angab. (WG, S. 166)
Sammeln und Klassifizieren als ein ebenfalls rationaler Zugang zur Natur geht auf die Neuzeit zurück, wird überwiegend in der Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts zunehmend populär. Vorbild hierfür ist insbesondere der schwedische Arzt, Naturforscher und Botaniker Carl von Linné (1707-1778), der sich unter anderem mit der Materia medica beschäftigte und bei der Neuerstellung einer Pharmakopöe mitwirkte[9]. In seinem Hauptwerk Systema Naturae (1735) machte er die der Natur zugrunde liegenden Ordnungssysteme sichtbar. Seine Klassifizierung der Natur in Pflanzen, Tiere und Mineralien und ihre Untergliederung u. a. über die Geschlechtsmerkmale sowie systematisierte Benennung mit lateinischen Bezeichnungen ist bis heute grundlegend. In der Geschichte der Natur- und Geisteswissenschaften wird er folglich als Begründer der Taxonomie und der Nomenklatur angesehen[10].
Auf Georgs Waldwanderungen zum Sammeln von Naturgegenständen befindet sich Simon, der siebenjährige Sohn eines armen Holzhegers (vgl. WG, u. a. S. 103, S. 118 u. S. 121), bekannt als «der obere Raimund» (WG, S. 119), ständig in seiner Begleitung.
Während ihrer gemeinsamen Wanderungen vermittelt Georg dem Knaben umfassende Kenntnisse über die verschiedenen Arten von Schmetterlingen, Moosen und Steinen, deren griechische und lateinische wissenschaftliche Namen, sowie die spezifischen Merkmale zur Unterscheidung derselben (vgl. WG, S. 131).
Er [Simon] lernte alle Raupen kennen und nennen und die verschiedenen Gesträuche und Gewächse, von denen sie sich nährten. (WG, S. 131)
Über Simons angeeignete Naturkenntnisse heißt es weiter:
Die Steine, von denen die Leute in der Gegend glaubten, daß sie alle die nämlichen sind, […] unterschied er alle, und erkannte, daß ihrer eine ganze Menge seien (WG, S. 131).
Darüber hinaus bringt Georg ihm aus eigener Initiative das Lesen, Schreiben und Rechnen bei (vgl. WG, S. 127 u. S. 132f.), wohl wissend, dass Simon ihn eines fernen Tages verlassen wird (vgl. WG, S. 137). Lesen und Schreiben sind hierfür die unabdingbaren Mittel zum Weggehen. Auf Simons Frage, wozu das Lesen und Schreiben wichtig sei, erklärt der Waldgänger, dass der wichtigste und heiligste Gebrauch davon sei, dass man, wenn man von zuhause fortgehe, seinen Eltern schreibe (vgl. WG, S. 133f.). Georg identifiziert an dieser Stelle das Lesen und Schreiben sowie das Fortgehen abermalig mit seiner eigenen Interpretation eines Naturgesetzes, das er gleichzeitig als Lebensgesetz verstehen möchte: immer weg vom Stamm (vgl. WG, S. 137f.).
du wirst um vieles länger leben, als ich, und du wirst auch früher von mir gehen, als ich sterbe, und als du dann allein fortleben müßtest. Es bleiben ja nicht einmal die eigenen Kinder bei den Eltern, […] sondern sie gehen alle fort, um sich die Welt zu erobern, und lassen die Eltern allein zurück, wenn ihnen diese auch alles geopfert, wenn sie ihnen ihr ganzes Glück und das Blut ihres Herzens gegeben hätten. Es wird auch schon so das Gesetz der Natur [m.K.] sein. Die Liebe geht nur nach vorwärts, nicht zurück. Das siehst du ja schon an den Gewächsen: der neue Trieb strebt immer von dem alten weg [m.K.] in die Höhe, nie zurück; der alte bleibt hinten, wächst nicht mehr und verdorrt. Und wenn auch die Zweige bei einigen zurück zu gehen scheinen und nach abwärts streben, so ist es nur, daß sie die Erde berühren, um einen neuen Stamm zu gründen, der den Plaz [sic] verlassend sogleich wie ein Pfeil in die Höhe schießt. Siehst du die Erdbeeren, sie haben lange, feine Schnüre, die an dem Boden fortstreben, und wenn eine solche Schnur einmal nach abwärts geht, kehrt sie niemals mehr zu dem Ursprunge um, von dem sie gekommen, sondern sie erlangt ein Häkchen, mit dem sie in den Boden greift, um von diesem Mittelpunkte neue fortlaufende Geschlechter zu erzeugen, die immer weiter in die Ferne streben. (WG, S. 137)
Wie der Kleine herangereift ist, schickt ihn sein Vater zur Weiterbildung und Sicherung seines Lebensunterhalts in die Ferne. Als der allgemach alt gewordene Waldgänger zwei Monate danach im Wald verschwindet, nimmt er nur noch ein dickes Buch mit, als Inbegriff der Zivilisation und des Wissens, zwischen dessen Seiten Moose gelegt sind als Naturelement (vgl. WG, S. 139): ein weiterer Beleg für seinen rationalen Naturbegriff und seinen Wunsch, die Natur seinem Willen zu unterwerfen.
Betrachtet man diese drei Georgs Naturbegriff ausprägenden Aspekte zusammen, seinen Beruf als Baumeister und Gartenarchitekt, seine äußerst rationale Sammeltätigkeit sowie seinen Bildungsbegriff bzw. sein pragmatisches Verständnis des Lesens und Schreibens als unentbehrlich für das von ihm zugleich als Naturgesetz verstandene Fortgehen, so lässt sich herausstellen, dass wir es hier mit einer klaren Identifikationsfigur der Neuzeit zu tun haben, die dem Rationalen und Pragmatischen den Vorzug gibt. Das Naturgesetz möchte sie zur eminenten Lerninstanz erheben, grundsätzlich jedoch taugt die Natur nicht als Objekt des Schwärmens: «Als Waldgänger fügt er sich freiwillig dem Naturgesetz des Fortgehens»[11].
Bei Corona ist ein ähnlicher Naturbegriff ablesbar. In ihrer gegenüber Georg vorgebrachten Argumentation bezüglich der von ihr vorgeschlagenen Scheidung aufgrund ihrer Kinderlosigkeit stützt sie sich auf das Naturgesetz des Lebens, dessen fester Bestandteil das Fortgehen und die Kontinuität sind (vgl. WG, S. 187):
so herrlich und allmächtig ist der Trieb, daß das junge Leben fortlebe und das alte vergehe, das das junge hervor gerufen und seinen Zweck erfüllt habe. Darum ist die Welt so schön, daß sie jeder neue neu geputzt finde, und wenn er lebt nicht anders meine, als das ganze Leben beginne überhaupt erst jetzt. (WG, S. 187)
Unterstützt wird ihr Weltbild vornehmlich durch die christliche Religion, präziser ausgedrückt durch den seit der Reformation entstehenden und sich ausbreitenden Protestantismus als geistiger Überholung des Katholizismus, u. a. wegen der Scheidungszulassung in schier unlösbaren Fällen. Indessen gehören, Coronas Überzeugung nach, rein emotionale Gründe, wie z. B. eine Abneigung in der Ehe, nicht zu solchen Fällen.
Es ist eine hohe, eine gewichtige, eine heilige Pflicht, daß der Mensch, der nur das eine Leben hat, es voll anwende, und darin auch die menschlich und göttlich gesetzlichen Mittel ergreife, die Welt in einem kleinen Theilchen durch seine Kinder fort blühen zu machen. Darum glaube ich, hat ja unsere Kirche fest gesetzt, daß in ihr die Ehe löslich wird, damit ein mißgeschlungenes Band zu nichte gemacht, und wieder ersetzt werden könne, was gefehlt wurde. Und ich glaube, daß der höchste Zweck dieser Einrichtung nicht darin bestehe, daß Menschen, welche leichtsinnig ein Band geschlungen haben, wenn sie ihre Herzen nicht kannten, wenn die Mittel des Lebens nicht da sind, und hundert andere Fälle, es wieder auflösen können, wenn sie sich nicht vertragen, wenn das Band eine Bürde wird – sie hätten ja das vorher wissen und vermeiden können. Ihretwillen kann das Gesetz nicht allein da sein. (WG, S. 187)
Eine kinderlose Ehe wird von ihr dahingegen kategorisch als eine «Scheinehe» abgewertet (S. 188), als eine Ehe, «die vor Gott eine unmögliche gewesen ist» (ebd.).
Hiernach sieht sie – obwohl selbst betroffen – den Menschen vor allem intellektuell und ignoriert die Emotionsebene als Schwäche (vgl. WG, S. 187f.). Georg ist der Gegenstand, an dem diese Grundeinstellung demonstriert wird.
Es wurde beschlossen, daß sie sich ohne einen Auftritt des Weinens [m.K.] oder der Klage trennen wollen, […] daß sie sich nie sehen, einander nie schreiben wollen, für einander nicht mehr da sind. (WG, S. 192)
Die eklatante Parallelität zwischen Coronas und Georgs Gesinnungen zeigt sich darin, dass beide über einen rationalen und funktionalen Natur- und Lebensbegriff verfügen, der auf der ‘Weg-vom-Stamm-Theorie’ beruht, und den sie als Vor- und Leitbild für den Menschen ansehen.
2. Naturgesetz als Gegenbild zum menschlichen Leben?
Im Werk gibt es auch ein vollkommen anderes Verständnis von Naturgesetzlichkeit, das etwa vom 97-jährigen Abdecker Adam, dessen Nachfahren niemals von ihm weggehen (vgl. WG, S. 135f.), vertreten wird. Unmittelbar nach Georgs Gespräch mit Simon über die Wichtigkeit des Schreibens als eines wesentlichen Mittels zur Kontaktaufnahme mit den Eltern in der Ferne (vgl. WG, S. 133f.) und kurz vor ihrem Gespräch über das Fortgehen als Natur- und Lebensgesetz (vgl. WG, S. 137f.) vollzieht sich die Begegnung beider mit dem uralten Adam und seinem 73-jährigen Sohn, beide sitzend auf einer Bank vor ihrem Hause. Im Hofe des Hauses spielen Adams drei kleine Urenkel (vgl. WG, S. 134f.). Da die verschiedenen Generationen in dieser Familie niemals weg vom Stamm gehen (vgl. WG, S. 136), fungieren sie als Gegenbild für Georg und Corona.
‘Ich habe nur den einzigen Sohn gehabt, […] und der ist nie von mir fortgegangen [m.K.] , sondern er ist immer bei dem Häuschen geblieben, und hat die Arbeit gethan. […] Er hat wieder auch nur einen einzigen Sohn gehabt, der gleichfalls zu Hause geblieben ist. So haben wir fort gelebt, und wenn einer alt geworden ist, gingen die jüngern zu der Arbeit und thaten den ältern in das Ausnehmen’. (WG, S. 136)
Der soeben dargestellte Familiensinn entspricht einem urmenschlichen Bedürfnis. Die Symbolik des Namens Adam ist hierbei nicht zu übersehen. Zum einen steht er für eine Kontinuität von Familie und Fortpflanzung, zum anderen versteht er sich als einen impliziten Verweis auf den Sündenfall des Menschen. Ausgehend von Georgs Sicht ist der Verstoß gegen das Fortgehen als Natur- und Lebensgesetz eine weitere Versündigung des Menschen. Nicht von ungefähr macht er eine abfällige Äußerung über Adams Nachfahren und deutet Simon unmissverständlich an, dass sie einzig nicht weggegangen seien, «weil sie draußen gleichsam verachtet, und lieber daheim bei den Ihrigen sind» (WG, S. 138).
Über Simons Eltern wird berichtet, dass sie aus ärmlichen Verhältnissen kommen (vgl. WG, S. 103). Nur auf Anraten von Simons Taufpaten und des Waldgängers lassen sie ihren Sohn von zuhause weggehen.
Der Holzflößer Simon, der Taufpathe des Knaben, […] sagte einmal zu dem Heger, da der Knabe schon so groß sei und auch so unterrichtet, so sei es doch einmal die Pflicht der Eltern, daß sie ihn irgend wohin thäten, wo er das lernte, was einmal zu seinem Lebensunterhalte dienen könnte – und er wiederholte diesen Ausspruch öfters. Die Eltern fragten den Waldgänger, zu dem sie das größte Vertrauen hatten, und ohne dessen Rath sie gar nichts mehr thaten. Dieser sagte, der Holzflößer habe Recht, und es müsse so geschehen. (WG, S. 138f.)
Alphabetisierung und Bildung dienen in ihrer begrenzten Weltsicht ausschließlich dem Lesen im Gebetbuch (vgl. WG, S. 127). Nach Ansicht des Erzählers seien sie
gar so eingeschränkt, daß sie beinahe nichts anderes kannten, als die Stämme der Bäume, die um sie herum standen, und das vorbei rinnende Wasser (WG, S. 141).
In Zusammenhang mit ihnen wird die lokale Legende der Teufelsmauer bei Hohenfurth erzählt (vgl. WG, S. 110f. u. S. 119). In unmittelbarer Nähe ihres Hauses befinden sich zwei große graue Steine. Simons Vater ist von dem Glauben durchdrungen, dass diese Steine die einzigen seien, die für den Mauerbau vom Teufel nicht entwendet werden konnten, aufgrund ihrer Größe und tiefen Verwurzelung in der Erde.
Die zwei Steine zeigt der Heger gerne als die einzigen in seiner Nähe, die der Teufel nicht im Stande war fort zu tragen, als er die Mauer baute, weil sie gar zu ungeheuer groß waren, und zu tief, bis mitten in die Erde gingen – und in der That, in der Nähe des Hegerhauses findet man keine Steine, aber weiter draußen über die Berge hin und in den Thalrinnen, gegen die sie herein stürzen, finden sich genug, wiewohl der Aberglauben [m.K.] sich gegen offenbare Thatsachen verblendend behauptet, es gäbe in der ganzen Gegend keine losen Steine, weil sie alle in dem einzigen, großen, ungeheuren Haufen in der Moldau lägen. (WG, S. 119)
Diese Legende handelt in erster Linie vom «Aberglauben», so der Erzähler (ebd.). Hier ist in Betracht zu ziehen, dass im Rationalismus – als Vorstufe zur Aufklärung – im Grunde alles, was nicht konkret beweisbar ist, als Aberglaube herabgesetzt wird. In der Frühaufklärung wird alles, was im Wesentlichen nicht rational ist oder auf der Ratio basiert, als Aberglaube abgewertet. Dementsprechend sei Aberglaube im Sinne des Rationalismus und der Frühaufklärung zuvörderst emotional, er sei ein Glaube, der stärker von Gefühlen als von der Ratio geprägt ist. Der Denkart des Rationalismus und der Frühaufklärung steht die Teufelsmauerlegende somit gleichsam diametral gegenüber. In dieser Hinsicht lässt sich auch Simons Familie als Gegenbeispiel für Georg und Corona verstehen.
3. Allegorische Bedeutung der Figuren mit Blick auf deren Herkunft und Hintergrund
Von grundlegender Bedeutung für die Ausprägung der Naturbegriffe und der Weltanschauungen der Figuren sind ihr jeweiliger gesellschaftlicher, kultureller und religiöser Hintergrund sowie ihre Herkunftsregionen. Die Familie Adams sowie die Eltern des Knaben Simi kennzeichnen sich durch ihre ökonomisch bescheidenen Lebensumstände, ihre durchaus niedrige Bildung oder sogar Unbildung und ihre starke Orientierung auf die Familie. Stammend aus Böhmen, sind sie katholisch geprägt[12]. Da man im Zuge des Katholizismus das Schicksal nicht infrage stellt, sind beide Familien folgerichtig schicksalsergeben. Alles nehmen sie gelassen hin, ohne Reflexion über ihr Leben und ohne Versuche, ihr Schicksal zu ändern. Daraus resultiert ein harmonisches, glückliches Leben, in dem sie im Einklang mit sich selbst sind.
Georg und Corona sind verstandesbetont und pragmatisch denkend. Beide verfügen über eine hohe Bildung und entstammen gebildeten Familien. Ein vom Erzähler gezogener Vergleich zwischen Simons und Georgs Eltern illustriert, dass die letzteren nicht «eingeschränkt» seien wie die Eltern Simons (vgl. WG, S. 141). Georgs Mutter ist «eine verständige Frau» (WG, S. 145). Sein Vater beschäftigt sich mit seinen «vielen Studien, die er sich auferlegte» (WG, S. 142). Georg selbst musste als kleiner Knabe ständig
lernen und sich auf seinen künftigen Beruf vorbereiten. […] Der Vater unterrichtete ihn selber in allen Fächern, die ihm in der Zukunft nothwendig sein konnten, und […] theilte […] auch dem Knaben den ganzen Tag ein, daß jede Stunde ihre Beschäftigung hatte, die einst nützlich sein könnte – was der Knabe alles pünktlich erfüllte. (WG, S. 144)
Wie Georg wurde auch Corona bereits im frühen Kindesalter an Wissen und Musik herangeführt und erhielt ebenso eine umfassende Bildung.
Alle Fächer, Kästen und Tischchen standen in den Zimmern, […] eine ausgewählte Büchersammlung war da, auf einem Gestelle lagen bereits die Notenbücher von bis jetzt vorhandenen von Mädchen am meisten geliebten Musikstücken, in der Ecke stand ein Pianoforte, in der damaligen Zeit ein sehr neues und sehr kostbares Werkzeug, auch eine Harfe mit großem, schwerem Resonanzboden und mit übermäßigen goldenen Verzierungen […] stand unter dem Fensterbogen da, und sah in das Zimmer heraus.
Es bekam die besten Lehrer, die in allen Fächern zu haben waren, und es wurden die besten Mittel zum Unterrichte angeschafft. (WG, S. 156f.)
Herkunftsmäßig stammen Georgs und Coronas Familien aus Norddeutschland (vgl. WG, S. 141 u. S. 152) und haben einen protestantischen Hintergrund (vgl. WG, S. 154 u. 187). Georgs Vater wirkte viele Jahre als Pfarrer in seinem Heimatdorf (vgl. WG, S. 141). Dem Katholizismus entgegengesetzt gehören Zweifel, Kritik und Selbstbestimmung zu den Grundprinzipien des Protestantismus. Der Mensch ist zur aktiven Mitwirkung an seinem Schicksal aufgefordert, anstatt es passiv zu akzeptieren. In der Erzählung Der Waldgänger zeigt sich das deutlich in Coronas langem Gespräch mit Georg, in dem sie ihm die Scheidung vorschlägt, gestützt auf folgende eigene Meinung:
Ich glaube, es ist überall das rechte, wo ein Ding, das wir anstreben, verweigert wird, es rasch ändern [m.K.] , und den Weg einschlagen, den die Gesetzmäßigkeit der Dinge vorschreibt. (WG, S. 190)
Die im Protestantismus stark betonte Eigenverantwortung des Menschen und deren enge Verknüpfung mit dem Glauben an den freien Willen und das freie Handeln des Menschen wird im selben Gespräch unterstrichen: Corona zufolge sei die Fortsetzung ihrer Ehe eine «Sünde», weil diese Ehe ihren Zweck nicht erfüllt habe (vgl. WG, S. 190). Sollte eine zweite Ehe für sie beide gleichfalls kinderlos bleiben,
dann sind beide von der Verantwortlichkeit [m.K.] frei. Denn wir haben gethan, was uns menschliche Voraussicht zu thun eingegeben hat (WG, S. 188).
Corona entstammt einer wohlhabenden Händlerfamilie (vgl. WG, S. 152-157). Ihre Großmutter mütterlicherseits war eine «Kaufmannsfrau» (159f.). In der bürgerlichen Familie der Neuzeit bestimmt Pragmatismus auch die familiären Beziehungen. Corona begegnet uns als eine starke, selbständige Frau, die emotional weitgehend auf sich selbst gestellt ist (vgl. WG, S. 158f. u. 161f.). Die Religion bietet dazu keine Gegenposition.
Durch den Tod ihrer Mutter, durch die unerhörte Veränderung, daß sie ihr Vater mit solcher Pracht und Ueppigkeit zu erziehen angefangen, und dann so leichtsinnig unter fremde Menschen gelassen hatte, und durch die Härte ihrer Verwandten war sie jezt ganz allein auf der Erde. (WG, S. 161f.)
Protestantismus und Handel, die den Hintergrund von Georg und Corona bilden, gelten mithin als Revolte gegen die alte Welt, soweit man nun infolge der langsamen Auflösung der Kirche und des Bruchs mit der mittelalterlichen Ständeordnung, die schon vor geraumer Zeit den Menschen als Orientierungs- und Anhaltspunkte dienten, das Individuum weit weg von den alten Strukturen betrachtet. In der Neuzeit fühlt sich der Mensch nicht mehr aufgehoben in der Kirche, insofern der Protestantismus den Beichtzwang ablehnt und in diesem Sinne keine Absolution oder Garantie mehr für die Sündenvergebung gewährt.
Hastu nicht lust dazu / so las es anstehen / auch alle drey Beichte. […] es ist doch nicht rechtschaffen, sondern verdamlich. So haben wir bisher nur dem Pabst zu dienst gebeicht nicht unsern seelen.[13]
Im Gefolge der in der Neuzeit vollzogenen Umstrukturierung der Gesellschaft ist der Bürger freilich grundsätzlich auf sich selbst und seine Arbeit angewiesen, insofern jede gesellschaftliche Schicht nicht in die höhere aufgehoben ist.
Anders ausgedrückt lässt sich sagen, dass in der Neuzeit die Reformation die Mündigkeit des Menschen in religiösen und moralischen Fragen etabliert, und das Bürgertum seine gesellschaftliche und kulturelle Mündigkeit durchgekämpft hat.
Beide Figurengruppen können somit als Allegorien geistiger Prinzipien und intellektueller Tendenzen gelesen werden. Sie stehen an erster Stelle allegorisch für das angespannte Verhältnis von Gottesergebenheit und Selbstbestimmung. Hierin stehen die zwei Hauptfiguren Corona und Georg allegorisch für den Zeitgeist der Neuzeit und für bestimmte neuzeitliche gesellschaftliche und religiöse Konzepte, die ihrerseits auf dem Konzept einer stark rational gedeuteten Natur aufbauen. Vor ihrem Hintergrund folgen beide dem von Corona definierten Naturgesetz. Doch die daraus abgeleiteten Konsequenzen sind unterschiedlich. Während Corona nach der Scheidung trauert und trotz zahlreicher Anträge keine zweite Ehe einzugehen vermag (vgl. WG, S. 198), scheitert Georg an seinem Versuch eines Neubeginnes und ist reuig darüber, Corona verlassen zu haben.
[D]er acht und fünfzigjährige Mann
weinte die ganze Nacht
Jetzt erst stand die Größe der Sünde [m.K.] vor
ihm, die er begangen hatte – jetzt bereute er, daß er nicht mit ihr getragen
und geduldet hatte, die größer war, als er. (WG, S. 199)
Erinnert sei in diesem Kontext daran, dass Georg überdies um das Weggehen des kleinen Knaben Simon dermaßen von tiefem Gram erfüllt ist, dass er wenige Wochen danach im Wald endgültig verschwindet.
Acht Wochen nach diesem Ereignisse ist auch der Waldgänger auf immer von dieser Gegend fort gegangen. Der Simibauer sagte, er scheine sich so sehr um den Knaben des Raimundhegers gehärmt zu haben (WG, S. 139).
Die Trauer und Reue beider Hauptfiguren und der von ihnen ab diesem Augenblick fortwährend empfundene Trennungsschmerz legen nahe, dass beide doch nicht eins mit den von ihnen besprochenen, – ihrer Anschauung nach – naturgemäßen Entscheidungsgrundlagen des Handelns sind. Es ist sonach zu fragen, warum beide Figuren mit ihrem eigenen Naturbegriff brechen müssen, ihn nicht ertragen können. Eine nochmals etwas anders gelagerte Position in der Naturfrage nimmt der Erzähler ein und liefert damit eine etwaige Antwort auf die gestellte Frage.
4. Identische Veranlagung von Mensch und Natur?
Der Erzähler referiert und kommentiert schlussendlich beide gegensätzlichen Geisteshaltungen, jene von Georg und Corona einerseits und die von der Adam-Familie und Simons Eltern andererseits. Sowohl zu Beginn als auch am Ende der Erzählung werden seine Haltung zur Naturgesetzlichkeit und die Stellung des Menschen darin sichtbar.
Am Beginn der Erzählung stattet er der Stadt «ob der Enns» nach vielen Jahren einen Besuch ab (vgl. WG, S. 95). Während seiner Wanderung durch die «Gebirgslandschaften» (WG, ebd.) und die etwas abgelegeneren Gegenden ruft er wehmütige Erinnerungen von seinen Jugendjahren und seiner Jugendliebe hervor (vgl. WG, S. 96 u. 99ff.). Dass er sich zu jenen Zeiten von seiner Geliebten getrennt hat und lediglich seinen Ambitionen gefolgt war, lässt ihn in tiefe Schwermut verfallen (vgl. WG, S. 95f. u. 99ff.). Gleich im ersten Absatz der Erzählung zieht er zudem eine Analogie zwischen Liebe zur Natur und Liebeskummer als eindeutigem Hinweis auf die dem Menschen eigene Gefühlsebene. Die emotionale Bindung an das Land «ob der Enns» (WG, S. 95), das durch die Schönheit der Gebirgs- und Wasserlandschaften gekennzeichnet ist, beschreibt er folgendermaßen:
wer sie einmal gekannt und geliebt hat, der denkt mit süßer Trauer [m.K.] an sie zurück, wie an ein bescheidenes liebes Weib [m.K.] , das ihm gestorben ist, das nie gefordert, nie geheischt, und ihm alles gegeben hat. (WG, S. 95)
Mit einer erneuten ausführlichen Bestätigung der Gewichtigkeit der emotionalen Bindungsfähigkeit des Menschen als Teil seiner Natur beendet er die Erzählung:
Die zwei Menschen, die sich einmal geirrt [m.K.] hatten, hätten die Kinderfreude opfernd, sich an der Wärme ihrer Herzen haltend, Glück geben und Glück nehmen sollen bis an das Grab, und wenn sie zu Gott gekommen wären, hätten sie sagen sollen: ‘Wir können keine Kinder als Opfer mitbringen, aber Herzen [m.K.] , die du uns gegeben, die sich nicht zu trennen vermochten [m.K.] , und die ihr Weniges, was ihnen geblieben, mit hieher bringen, ihre Liebe und ihre Treue bis zu dem Tode’ [m.K.] . (WG, S. 201)
Dieser Kommentar verdeutlicht die Sonderstellung des Menschen innerhalb der Natur; wiewohl der Mensch den Naturgesetzen unterworfen bleibt, grenzen ihn Geist und Gefühl von ihr ab. Die Liebe zu ihr wurde daher am Anfang des Werks – wie schon angedeutet – mit der zu einem «Weibe» (WG, S. 95) verglichen. Aus dieser Argumentation ergibt sich die entscheidende Frage, wie weit der Mensch beobachtete Prinzipien der Natur auf sich selbst übertragen und im Hinblick auf existenzielle Lebensentscheidungen anwenden kann. Die zwei angeführten Kommentare des Erzählers weisen nach, dass der Mensch, veranlasst durch seine Veranlagung, nicht imstande ist, dem ausschließlich rational-pragmatischen Naturgesetz zu folgen. Liebe gehört nicht zum Wesen der Natur. Der Mensch hingegen ist ein Wesen aus Intellekt und Gefühl. Beide müssen in seinem Leben in Balance gehalten werden.
Die Folge, dass Georg und Corona aufgrund ihrer auf der Basis eines allzu rational gedachten Naturverständnisses getroffenen Entscheidung nicht glücklich leben können, muss konsequenterweise zu einem Bruch führen, zu einem Neufassen ihres Verständnisses vom Wesen und Schöpfungsauftrag des Menschen.
Unter Bezugnahme auf Stifters Lebensgeschichte ist zu konstatieren, dass seine Ehe mit Amalie Mohaupt (1811-1883) kinderlos blieb. Im Jahr 1847 nahm er daraufhin zunächst Juliane Mohaupt (1841-1859), eine Nichte seiner Frau, und zehn Jahre später, 1857, Josephine Stifter als Pflegetöchter auf[14].
Abschließend sei angemerkt, dass der Schluss der Erzählung Anklänge an Immanuel Kants (1724-1804) Schrift Die Metaphysik der Sitten (erschienen 1797) aufweist. Darin findet sich unter § 24 des dritten Abschnitts im 2. Hauptstück des 1. Teils eine entsprechende Stelle:
Der Zweck, Kinder zu erzeugen und zu erziehen, mag immer ein Zweck der Natur sein, zu welchem sie [zwei Menschen verschiedenen Geschlechts] die Neigung der Geschlechter gegeneinander einpflanzte; aber daß der Mensch, der sich verehlicht, diesen Zweck sich vorsetzen müsse, wird zur Rechtmäßigkeit dieser seiner Verbindung nicht erfordert; denn sonst würde, wenn das Kinderzeugen aufhört, die Ehe sich zugleich von selbst auflösen.[15]
Auffallend am zitierten Schlusskommentar des Erzählers ist ferner die von mir hervorgehobene Vergangenheitsform des Verbs ‘irren’. Namentlich mit Goethes Wilhelm Meister-Bildungsromanen (1795/96 u. 1829) und seiner zweiteiligen Faust-Tragödie (1808 und 1832) wird menschliches Irren zum Topos: «es irrt der Mensch, solang᾿ er strebt»[16]. Irren wird nicht mehr ausschließlich negativ verstanden, sondern bedeutet Erfahrung und ist eine Grundvoraussetzung für die intellektuelle und geistige Entwicklung des Menschen. Auch darauf baut der Protestantismus, der damit theologisch im Gegensatz zum Katholizismus mit Absolution, unauflöslicher Ehe und – basierend auf dem Bibelvers «Und führe uns nicht in Versuchung»[17] – einer stärkeren Betonung von Gottvertrauen und Schicksalsergebenheit steht. Diese Prinzipien des Katholizismus finden ihren Ausdruck etwa in der von mir ebenso hervorgehobenen Formel von «Liebe und Treue bis zu dem Tode» (WG, S. 201). Indem Stifter die Frage nach der Ergebung in den Willen Gottes vs. dem Hadern mit dem Schicksal aufgreift, verleiht er der Diskussion um den Naturbegriff eine moralisch-religiöse Dimension. In einem vom 22.02.1850 datierten Brief an Joseph Türck (1807-1875), seinen Wiener Freund und Hofjuwelier, schreibt er:
Meine Bücher sind nicht Dichtungen allein (als solche mögen sie von sehr vorübergehendem Werthe sein), sondern als sittliche Offenbarungen als mit strengem Ernste bewahrte menschliche Würde haben sie einen Werth, der bei unserer elenden frivolen Litteratur länger bleiben wird, als der poetische; in diesem Sinne sind sie eine Wohlthat der Zeit, sind ein patriotisches Werk, und in diesem Sinne kann sie der Kaiser in die Hand nehmen als etwas, das mit schwachen Kräften, aber guten [sic] Willen für die Menschheit gethan wird.[18]
Die Schlussfragestellung der Erzählung nimmt so die Leser in die Pflicht, selbst zu erwägen, worin die Voraussetzungen für ein geglücktes Leben liegen, welchen Gestaltungsspielraum der Mensch hat resp. in welcher Form Naturgesetze in sein Leben hineinwirken. Vor allem auch, wieweit sich durch Irrtümer und Erfahrungen Entscheidungen nachträglich revidieren lassen.
Ihrer beider [Coronas und Georgs] Leben endet in liebeleerer Einsamkeit, muß so enden, da sie eine wahrhafte Gemeinschaft zerstört haben, befangen in dem Irrtum, eine Ehe ohne Kinder sei eher Sünde.[19]
Stifter selbst sieht die Lesart seiner Erzählung in ihrem Anfang und Ende begründet. An seinen ungarischen Verleger Gustav Heckenast (1811-1878) schreibt er am 28. Dezember 1846 über den Aufbau des Waldgängers «Der Schluß muß wieder den Anfang erläutern»[20].
Der Beginn und das Ende der Erzählung stellen einen Kreis dar, der für Georgs Entschluss, als einsamer Waldgänger weiterzuleben, eine Auslegung liefert. Weiterhin stellen der Erzählbeginn und -schluss die selbstgewählte und danach bedauerte Trennung des Erzählers wie auch der Titelfigur dar. Diese Parallelität und dieser kreisförmige Aufbau des Werkes schaffen zudem eine Erklärung für die Auflösung der chronologischen Erzählperspektive (Tabelle 3 im Anhang veranschaulicht die retrospektive Erzählweise vs. den chronologischen Ablauf).
5. Fazit
Der in Der Hochwald entfaltete literarische Diskurs zum Verständnis von Natur wird in Der Waldgänger unter Verschiebung von Aspekten weiterentwickelt. Während in Der Hochwald, wie ich zeigen konnte, Ludwig Tieck den intellektuellen Zugang zum dort geschilderten Naturbegriff darstellt[21], wird in der jüngeren Erzählung die Stellung des Menschen innerhalb eines Naturbegriffs problematisiert. In der Frage, wie er sich – gleichzeitig Teil der Natur und aufgrund seiner psychischen wie intellektuellen Fähigkeiten eine Sonderrolle für sich beanspruchend – positioniert, könnte vielleicht am ehesten die Liebe einen Ausweg bieten, da der Mensch nicht nur ein denkendes, sondern auch ein Gefühlswesen ist.
Für Stifter selbst endet die geistige Auseinandersetzung mit dieser Grundsatzfrage nicht mit dem Waldgänger, sie begleitet sein gesamtes Schreiben. Von daher empfiehlt es sich, sein Gesamtwerk als ein großes umfassendes Naturhandbuch zu lesen, wobei in jedem Werk ein neuer Aspekt der Diskussion um Mensch vs. Natur beleuchtet wird.
Literaturverzeichnis
Primärliteratur
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Sekundärliteratur
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Herwig Gottwald: Beobachtungen zum Motiv des Landschaftsgartens bei Stifter. In: Walter Hettche / Johannes John / Sybille von Steinsdorff (Hgg.): Stifter-Studien. Ein Festgeschenk für Wolfgang Frühwald zum 65. Geburtstag. Tübingen 2000, S. 125-145.
Otto E. A. Hjelt: Carl von Linné als Arzt und medizinischer Schriftsteller. Übersetzung aus dem Schwedischen. Jena 1909.
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Franz Kadronska: Der Waldgänger. Ein Versuch zur schaffenspsychologischen Erfassung der dichterischen Struktur. In: VASILO 19 (1970), Folge 3/4, S. 129-140.
Hanno-Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie. Von der Antike bis zur Gegenwart. Studienausgabe. eBook. München 2016.
Mathias Mayer: Adalbert Stifter. Erzählen als Erkennen. Stuttgart 2001.
Gerhard Müller, Albrecht Döhnert, Hermann Speikermann, Horst Balz, James K. Cameron, Brian L. Hebbletwaite, Gerhard Krause (Hgg.): Theologische Realenzyklopädie. 36 Bände und zwei Register-Bände. De Gruyter, Berlin/New York. 1976-2007.
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Internetquellen
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Stifter - forum oö geschichte
http://www.ooegeschichte.at/themen/kunst-und-kultur/literaturgeschichte-oberoesterreichs/adalbert-stifter/biografie.html
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Trotha: Ein kleine Kulturgeschichte der Gartenkunst
http://www.bildungsexplosion.de/Artikel/eine-kleine-europaeische-kulturgeschichte-von-der-romanik-zum-spaetbarock/ein-kleine-kulturgeschichte-der-gartenkunst
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Lauterbach: Der europäische Landschaftsgarten, ca. 1710-1800. In: Europäische
Geschichte Online (EGO), hg. vom LeibnizInstitut für Europäische Geschichte
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URL: http://www.ieg-ego.eu/lauterbachi-2012-de
URN: urn:nbn:de:0159-2012112916
gedächtnisstütze: Adalbert Stifter: Der
Waldgänger - Jump Cut
http://www.jump-cut.de/2006/10/adalbert-stifter-der-waldgnger.html
Maya McKechneay: Prophet der Langsamkeit
http://orf.at/stories/2423721/2423720/#top
ANHANG
[*] Einige Punkte dieses Beitrags basieren auf meinem im Rahmen der internationalen Tagung ‘Stifters Welten: Wien’ (13./14. Oktober 2016 in Wien) gehaltenen Vortrag.
[1] Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Eine Tragödie. In: Erich Trunz (Hg.): Johann Wolfgang von Goethe. Werke. Kommentare und Register. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. München 1981ff. Band 3. Dramen I. Vierzehnte, durchgesehene Auflage 1989, S. 18.
[2] Sally Gomaa: Naturdarstellung im literarischen und malerischen Werk Adalbert Stifters. Diss. Kairo 2016.
[3] Vgl. Franz Kadronska: Der Waldgänger. Ein Versuch zur schaffenspsychologischen Erfassung der dichterischen Struktur. In: VASILO. Jahrgang XVII-XIX (1968-1970) / Jahrgang 19, 1970, Folge 3/4, S. 129-140, hier: S. 129.
[4] Adalbert Stifter: Der Waldgänger. In: Mailáth, Johann (Hg.): Iris - Deutscher Almanach für 1847. Gustav Heckenast, Pesth 1847, S. 1-112. URL: – LINK Letzter Zugriff: 26.03.2025.
[5] Die angegebenen Seitenzahlen im Fließtext beziehen sich auf folgende Werkausgabe: Adalbert Stifter: Der Waldgänger. In: Alfred Doppler / Hartmut Laufhütte (Hgg.): Adalbert Stifter. Werke und Briefe. Historisch-Kritische Gesamtausgabe. Bd. 3,1. Stuttgart 2002, S. 93-201. Im Anschluss an die angeführten Werkzitate sowie an den Verweis auf bestimmte Stellen aus dem Werk wird die Sigle WG vor der Seitenzahl verwendet. Alle Hervorhebungen in den Zitaten sind von mir (S. G.).
[6] Im Laufe der Erzählung wird das Substantiv «Simibauer» sowohl mit einem m (vgl. WG, S. 139f.) als auch mit Doppel-m geschrieben (vgl. WG, S. 112, S. 114f., S. 126 u. 139).
[7] Herwig Gottwald: Beobachtungen zum Motiv des Landschaftsgartens bei Stifter. In: Walter Hettche / Johannes John / Sybille von Steinsdorff (Hgg.): Stifter-Studien. Ein Festgeschenk für Wolfgang Frühwald zum 65. Geburtstag. Tübingen 2000, S. 125-145, hier: S. 126f.
[8] Ebd., S. 130.
[9] Otto E. A. Hjelt: Carl von Linné als Arzt und medizinischer Schriftsteller. Übersetzung aus dem Schwedischen. Jena 1909, S. 40f.
[10] Vgl. u. a. LINK und LINK Letzter Zugriff: 03.02.2025. – An dieser Stelle sei exkursiv darauf hingewiesen, dass der renommierte marokkanische Mediziner, Botaniker und Dichter Abul Qasim ibn Mohammed ibn Ibrahim al-Ghassani al-Andalusi (1548-1610 n. Chr.) in seinem Hauptwerk ‘Der Blumengarten in der Erklärung der Natur von Kräutern und Drogen’ (ar. حديقة الأزهار في شرح ماهية العشب والعقار. Transk. Ḥadiqat al-azhār fī šarḥ māhiyat al-ʿušb wa-l-ʿaqqār) die verschiedenen Pflanzen alphabetisch klassifiziert, deren Familien, Gattungen, Sondermerkmale sowie Anwendung und Nützlichkeit ausführlich beschreibt und schließlich deren lateinische Nomenklatur anführt. Inwieweit Linné von diesem Werk über Arznei- und Pflanzenkunde Kenntnis hatte und es als Referenz heranzog, ist noch ein Forschungsdesiderat.
[11] Rosemarie Hunter: Wald, Haus und Wasser, Moos und Schmetterling. Zu den Zentralsymbolen in Stifters Erzählung ‘Der Waldgänger’. In: VASILO 24 (1975), Folge 1/2, S. 23-36, hier: S. 34.
[12] In der Erzählung wird das implizit zum Ausdruck gebracht. Im ersten Kapitel wird bspw. von der «Cisterzienserabtei bei Hohenfurth» gesprochen (WG, S. 105), die der römisch-katholischen Kirche folgt, sowie von einer «Heiligenkapelle» (WG, S. 99). Die reformierte Kirche dagegen steht der katholischen Heiligenverehrung kritisch gegenüber.
[13] Martin Luther: Sermon Von dem Sacrament des leibs und bluts Christi widder die Schwergeister. Witternberg 1526, o. S. In seinem Katechismus taucht dieser Gedanke wiederholt auf: «Von der Beichte haben wir alzeit […] geleret / das sie solle frey sein / vnd des Bapstes tyranney nidergelegt / das wir alle seines zwangs los sind […] Dazu darff dich nu niemand bringen mit geboten […]. Damit heben wir nu des Bapsts tyranney / gepot und zwang allzumal auff / als die sein nirgend zu dürffen». Ders.: Deudsch Catechismus. Mit einer newen Vorrhede / vnd vermanunge zu der Beicht. Wittemberg 1532, S. CXXIX und CXXXII.
[14] Vgl. bspw. Urban Roedl: Adalbert Stifter. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 17. Auflage. Hambrug 2005, S. 148 und Peter A. Schoenborn: Adalbert Stifter. Sein Leben und Werk. 2., aktualisierte Auflage. Tübingen 1999, S. 36 u. 422.
[15] Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten. In: Wilhelm Weischedel (Hg.): Immanuel Kant. Werkausgabe in 12 Bänden. Frankfurt am Main 1977. Band VIII: Die Metaphysik der Sitten, S. 389. – Für den Hinweis auf Kants These und die entsprechende Schrift bedanke ich mich aufrichtig bei Prof. Dr. phil. habil. Markus Fischer, emeritierter Professor an der Universität Bukarest.
[16] Siehe Anm. 1.
[17] Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.): Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Stuttgart 1985, Mt 6,13, S. 9.
[18] Gustav Wilhelm (Hg.): Adalbert Stifters sämtliche Werke. Achtzehnter Band. Briefwechsel. Zweiter Band. 2. Auflage. Reichenberg 1941, S. 38.
[19] Urban Roedl: a. a. O., S. 87.
[20] Gustav Wilhelm (Hg.): Adalbert Stifters sämtliche Werke. Siebzehnter Band. Briefwechsel. Erster Band. Mit Benutzung der Vorarbeiten von Adalbert Horcicka. 2. Auflage. Reichenberg 1929, S. 196. Erwähnenswert ist zudem Stifters Brief an Heckenast vom 22. Mai 1846, in dem Stifter bezüglich des Waldgängers formuliert, dass «der Schluß das Schlagendste, und Eingreifendste» eines Buches sei. Vgl. ebd. S. 164.
[21] Vgl. Sally Gomaa: a. a. O., S. 91f.