Das Gleichgewicht verlieren. Anmerkungen zur einer Diskussion zwischen Max Brod und Franz Kafka / Perdere l’equilibrio. Appunti per una discussione tra Max Brod e Franz Kafka

  • Hans Rainer Sepp

Abstract

[DE] Kafka macht in seiner Reaktion auf Max Brods Entwurf zur Ästhetik mit dem für ihn so zentralen Wort schweben deutlich, dass der Gegenstand seiner Verankerung verlustig gegangen ist. Vollzog sich der Verlust des Gleichgewichts zwischen dem Subjekt und seinem Objektiven in der europäischen Neuzeit mit der Ausbildung der Transzendentalphilosophie, so begegnet der Gedanke eines neuen, zwischen Subjektivität und Objektivität einzurichtenden Bereichs bereits bei den Romantikern. Die Bewohner dieses Bereichs werden allerdings – anders als dies später Nietzsche im Zarathustra vorführte – in dem Sinne ortlos, dass sie nicht in ihm verwurzelt sind, sondern schweben. Dass sich die Welt der Verfügbarkeit entzogen hat, zeigt schon Kafkas frühe Erzählung, die „Beschreibung eines Kampfes“, welche die Entfremdung von den Dingen betont. Kafka bleibt in der Beschreibung dieses europäischen Kampfes als Berichterstatter, als Schreibender, konsequent in der Schwebe, wie auch der Ort seiner Figuren zu einer lebensfeindlichen Zone des Schwebens zwischen Nicht-Wegkommen und Nicht-Ankommen wird.

[EN] In his reaction to Max Brod’s conception of aesthetics Kafka uses the word hover [schweben] in order to express that the object has lost its embodiment. Stating the loss of the balance between subjectivity and its objects caused by transcendental philosophy the romantic era developed the idea of a new sphere between subject and object. However, and in contrast later to Nietzsche’s Zarathustra, the residents of this field will not be longer rooted, they hover and become homeless. Kafka shows already in his early novel, The Description of a Struggle, that world has evaded its own availability, and emphasizes the alienation from the things themselves. Describing this European struggle Kafka as a writer stays consequently in suspension, as well his figures are living in the hostile zone of hovering between the facts of neither being able to go away nor to arrive.

Keywords: Franz Kafka; Max Brod; Vorstellung; Appercezione

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Pubblicato
2017-12-26